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Botschafterin

Er ist vor vier Monaten mir seiner Mutter und seiner älteren Schwester aus der Ukraine geflohen. Seit zwei Monaten ist er bei uns in der Schule und geht in die 7. Klasse. Drei Mal in der Woche unterrichte ich ihn in DaZ, Deutsch als Zweitsprache. Anfangs war er sehr zurückhaltend. Er konnte noch kein Wort Deutsch, kannte mich nicht und wusste nicht, was von ihm erwartet würde. Ich erkannte schnell, dass er die neu gelernte Grammatik sofort umsetzen konnte und gab ihm positive Rückmeldungen. Er entspannte sich und freute sich sichtlich, wenn er etwas verstanden hatte und richtig gesagt hatte.
Immer wieder bestärke ich ihn. Ich bin wahrscheinlich die erste Deutsche, mit der er über einen längeren Zeitraum Kontakt hat. Ich werde genau so, wie ich mit ihm umgehe, auch sein Bild von diesem für ihn neuen Land prägen. Ich sehe mich als eine Botschafterin für mein Heimatland. Das jetzt auch seines werden soll.

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Evas Kostüm

In Evas Kostüm in der Sauna können wir uns nicht verstecken. Da sind wir, wie Gott uns geschaffen hat: klein oder groß; blond, braun oder grauhaarig, von Natur aus oder gefärbt, mit unterschiedlich großen Brüsten von Körbchengröße A bis D, mit Schwangerschaftsnarben, schlaffer Haut, extra Polstern um die Hüften oder Rettungsringen am Bauch, mit Narben, Falten. Manche haben Tattoos, lackierte Finger- oder Fußnägel, andere tragen Ringe. Nichts lässt sich in Evas Kostüm verstecken, alles ist sichtbar. Dennoch zeigen unsere Körper nichts weiter als unser Alter und unseren Gesundheitszustand, aber sie sagen nichts über unsere Herkunft, unsere Bildung oder den Beruf. Wir sind buchstäblich bis auf die Haut entblößt und somit alle gleich. Die Metamorphose geschieht anschließend in der Umkleidekabine. Hier legen wir wieder unsere Hüllen an. Wir bedecken und verstecken uns und lassen die Kleider für unseren Geschmack, unser Einkommen und unseren sozialen Status sprechen.

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Oase

Entspannt dösen oder lesen die Frauen auf den Liegen. Ab und an geht die Tür auf und Düfte von Kräutern wehen herein, die die Frauen aus den verschieden Saunen mitbringen. Dieser Ort ist ein Ort der Verwandlung, der Erneuerung und des Auftankens. Der Alltag kann für einige Stunden mit den Kleidern in den Umkleidekabinen abgelegt werden. Sorgen können der Hitze nicht standhalten. Sie werden ausgeschwitzt und abgeduscht und spätestens abgeschreckt im kalten Wasserbad. Gelöst und erfrischt und entspannt lassen sich die Frauen nieder und es breitet sich eine Atmosphäre der Gelassenheit und Zufriedenheit aus. Der Alltag ist zeitweise in die Ferne gerückt. Hier bin ich in einer Oase der Ruhe, Wärme und Behaglichkeit.

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Kleider machen Leute

Ich kleide mich zeitlos und praktisch, würde ich sagen: Jeans, im Winter ein schlichter Wollpullover, Schuhe, kein Glitzer, nichts Modisches. Warm soll es im Winter sein, luftige Naturmaterialien im Sommer, und möglichst lange halten soll meine Kleidung. In meinem Kleiderschrank hängen schon lange einige Blazer, die ich mal hier, mal da in irgendeinem Second-Hand-Laden erstanden und nur sehr selten getragen habe. Was lässt mich eigentlich zögern, sie anzuziehen? Also entscheide ich mich dazu, morgen in der Schule mal einen Blazer zu tragen. Am nächsten Tag merke ich dann, oh Wunder, es fühlt sich anders an. Ja, tatsächlich. Ich gehe aufrechter, ich fühle mich größer und auch wichtiger. Ich habe das Gefühl, mehr Raum einzunehmen. Ich bin erstaunt über den Effekt und gleichzeitig genieße ich es.

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Jammern?

Ich erzähle von dem Haus, in dem ich wohne. 52 Parteien wohnen hier. Es ist ruhig, und das ist mir am allerwichtigsten. Was ich aber vermisse ist, dass es so gar keinen Kontakt gibt. Jeder bleibt für sich. Mal fällt ein Hallo und das war’s. Und manchmal gibt es noch nicht einmal das. Sogleich werden mir nun Vorschläge gemacht, was ich alles tun könne, um mehr Kontakt zu knüpfen. „Ich will nur erzählen“, sage ich. „Ach so, du willst nur jammern“, sagt sie. Ich bin überrascht. Ist das Jammern, wenn ich erzähle, wie es mir in dem Haus geht und nur erzählen will und keine Ratschläge möchte?

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Schnee

Der Himmel verdunkelt sich und wirkt bedrohlich. Dicke Schneeflocken beginnen herabzufallen … und es wird lange schneien. Es wird ganz still. Die dichte Flockenwand schluckt alle Geräusche und hüllt alles in einen weißen Schleier. Was als ein dünner weißer Film auf dem Boden beginnt, verdichtet sich mit der Zeit zu einer dicken Schicht. Nur noch wenige Autos sind unterwegs und die, die fahren haben ihr Tempo gedrosselt. Die Stadt verwandelt sich in ein weißes Wintermärchen. Später sehe ich Kinder im Schnee toben, Schneebälle werfen und einen Schneemann bauen. Abends ruht die Stadt. Ganz still ist es. Ich gehe eine Runde spazieren und genieße das so selten gewordene weiße Wintervergnügen. Ich vernehme nichts weiter als das Knirschen meiner Schritte im Schnee.

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Introvertiert

Ich muss nicht alles gesehen haben, was in der Stadt gerade so angeboten wird. Ich muss nicht in jedem neuen Theaterstück gewesen sein, das gespielt wird, ich muss nicht in dem besonderen Zirkus gewesen sein, der gerade in der Stadt Station macht. Ich muss nicht jeden Flohmarkt besucht haben. Ich höre von anderen, wo sie waren und was sie alles gemacht haben. Ich genieße lange Spaziergänge und im Sommer bin ich am liebsten im Garten. Ich schätze Ruhe und die Abgeschiedenheit. Hin und wieder packt mich die Lust auf Geselligkeit, ein Bad unter Menschen und Austausch. Und dann ziehe ich mich wieder zurück und tanke auf. So ganz nebenher klicke ich ein Video auf YouTube an, in dem es um Extrovertiertheit und Introvertiertheit geht. Und da begreife ich: Ich bin introvertiert. Und die Welt um mich herum ist in der Mehrheit extrovertiert.

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Liebeshunger

Er verschlingt die Spaghetti in einer Geschwindigkeit, als gelte es ein Wettessen zu gewinnen. Sie macht den Teller so voll, dass er fast überquillt. Ein anderer greift beim Kuchen dreimal zu und wenn es ein Reststück gibt, nimmt er das auch. Ich esse noch ein zweites Marmeladenbrot zum Frühstück, weil es einfach so gut schmeckt und mittags nehme ich noch den Rest aus dem Topf, damit es ‚keine Reste‘ gibt. Sind wir Menschen, die als Kinder nach Liebe und Zuwendung gehungert haben? Trösten wir uns heute mit Essen? Versuchen wir so, das Loch in uns zu stopfen?

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Kontrast Familie

Vier Kinder hat sie und von zwei Enkeln erzählt sie. Sie selbst hat sieben Geschwister und mit einigen davon trifft sie sich zu Silvester. Ihre Mutter war eins von neun Kindern. Alle leben über die Region verstreut, so wie ich es raushöre. Gestern hat sie eine ihrer Töchter und die Enkelin besucht. Morgen will sie zu ihrer Tante fahren. Für einen Neffen strickt sie gerade Söckchen.
Ich habe keine Kinder. Zwei meiner Geschwister sind verstorben. Eine Schwester lebt noch, wir schreiben uns Geburtstagsgrüße. Keines meiner Geschwister hat Kinder. Ich habe keine Neffen und Nichten. Ich hatte einen Onkel und eine Tante, die ich drei Mal in meinem Leben gesehen habe. Meinen Cousin habe ich vielleicht auch drei Mal gesehen. Meine Cousine hat mich einmal besucht und wir schreiben uns ab und zu ein Mail. So unterschiedlich sind Familien.

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Erzfeinde

1914 waren Deutsche und Franzosen Feinde. Auf politischer Ebene gesehen zumindest.
Jocelyne, meine „Airbnb“-Vermieterin im lothringischen Flirey und ich sitzen am Kamin und plaudern. Sie erzählt von den Schlachten in Flirey. Von der Zerstörung des Dorfes. Ihre Familie hat in diesem Krieg selbst gelitten. Meine eigenen Vorfahren lebten woanders. Ich weiß nichts von ihnen und sicher blieben sie von den Auswirkungen des 1. Weltkrieges nicht verschont und litten auf ihre Art, wo immer sie zu der Zeit lebten.
Es ist für mich unvorstellbar, dass Deutsche und Franzosen sich einmal so hassten, dass sie sich gegenseitig bekämpften und töteten.
Heute, viele Jahrzehnte später, sitzen ehemalige Erzfeinde zusammen und teilen ihre Geschichten miteinander. Was für ein Gewinn und welche Errungenschaft es ist, dass ich heute mit Jocelyne friedlich am Kamin sitzen kann. Möge weiterhin Frieden herrschen hier und überall in der Welt! Ich wünsche es allen Menschen in allen Ländern der Erde.

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