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Auf der Jagd

Ich habe drei Blaubeerpflanzen in meinem Garten. Blaubeeren brauchen Erde mit niedrigem PH-Wert. Ich hatte sie in Behälter mit saurer Erde eingepflanzt. Innerhalb eines Jahres haben sie sich so entwickelt, dass ihr Wurzelwerk den ganzen Behälter ausfüllt. Ich sollte sie umpflanzen, denke ich. Wo kriege ich größere Behälter her? Kaufen? Ja, aber vielleicht kann ich irgendwo auch gebrauchte finden. Dabei geht es mir nicht allein um den Preis, sondern um die Weiterverwendung von etwas, was schon da ist. Ich suche also bei Kleinanzeigen nach Mörtelkübel. Tatsächlich wird einer in meiner Nähe sogar verschenkt. Ich nehme Kontakt auf. Die Kommunikation ist etwas holprig, aber schließlich kann ich ihn am nächsten Tag abholen. Ich mache ihn sauber und bohre Löcher in der Boden, damit keine Staunässe entsteht. Zwei weitere Kübel werden an einem anderen Ort etwa 20km entfernt angeboten. Auch da nehme ich Kontakt auf und bitte, mir den Durchmesser zu schreiben. Ich möchte nicht den ganzen Weg zurücklegen, um dann festzustellen, dass sie zu groß oder zu klein sind. Ich erhalte keine Antwort. Sollte ich doch noch zwei Kübel dazukaufen? Oder warten, bis wieder welche gebraucht angeboten werden? Ich überlege hin und her.
Dann fällt mir ein, dass ich vor einigen Tage vor einem Haus Sperrmüll gesehen und kurz wahrgenommen hatte, dass da auch schwarze Kübel standen. Zu dem Zeitpunkt hatte ich die Idee, die Blaubeeren umzutopfen noch nicht gehabt. Ob die Kübel da noch stehen? Ich könnte ja nochmal dort vorbeifahren. Und tatsächlich, da sind sie, zwei Kübel ungefähr so groß wie der erste. Zufrieden packe ich sie ein. Zu Hause merke ich, dass die beiden ganz fest zusammenstecken. Ich versuche sie auseinderzuziehen. Es gelingt mir nicht. Sollte ich sie vielleicht als einen benutzen und noch einen dritten dazukaufen? Ich versuche noch einmal, sie zu trennen und bitte auch noch jemanden mir zu helfen. Ohne Erfolg. Mir kommt schließlich noch die Idee, die beiden mit Hebelwirkung auseinanderzubringen. Und … es funktioniert! Ich habe drei ungefähr gleich große Behälter umsonst bekommen. Die ‚Jagd nach Behältern‘ ist geglückt. Jetzt kann ich mich ans Umtopfen machen.

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Die Hummel

Ich sitze im Gras am Ufer des Weihers. Eine Hummel kommt und umkreist mich. Ist es eine Hummel? Stechen Hummeln? Was, wenn sie mich sticht? Sie fliegt wieder weg. Ich bin beruhigt. Dann hör ich das nahende Summen erneut. Sie lässt sich neben mir im Gras nieder. Sucht sie Futter? Abwechselnd umkreist sie mich und krabbelt durchs Gras. Warum lässt sie mich nicht in Ruhe? Warum fliegt sie nicht weg? Ich überlege sie zu verscheuchen. Nein, ich will ihr nichts tun. Schließlich stehe ich auf, genervt von dem Surren. Ich weiche einen Schritt zurück und schaue, was sie macht. Ich sehe, wie sie landet und sich in ein kleines Loch im Boden verkriecht. Augenblicklich wird es still. Hatte ich doch auf ihrer Behausung gesessen und ihr den Eingang versperrt.

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Meine Stimme

Ich bin wieder in Taizé. 2000 Stimmen erfüllen die Halle. Ich singe gerne und meine Stimme mischt sich in die Gesamtheit der Stimmen. Ich bin eine passable Chorsängerin. Allein fällt es mir schwer, meine Stimmlage zu halten. Wenn ich im Chor zu nahe am Alt sitze, singe ich im Alt mit, obwohl ich doch Sopran bin.
Das Gebet ist zu Ende, die Mönche ziehen sich zurück. Der Großteil der Besucher geht. Vereinzelt bleiben kleine Grüppchen sitzen. Nach einer Weile höre ich, wie ein Lied angestimmt wird. Ich liebe dieses Lied. Ich sitze alleine etwas abseits und habe keine stimmliche Unterstützung. Kurz überlege ich: Und wenn ich falsch singe? Die Lust ist größer als die Sorge und ich stimme mit ein. Ich nehme meine eigene Stimme wahr. Mein Sopran erklingt, klar und stabil. Ich genieße es, meine eigene Stimme zu hören, wie sie trägt und den Raum miterfüllt.

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Transformation

Stille. Vogelgezwitscher. Mal blökende Schafe, mal das Muhen einer Kuh. Abends das Quaken der Frösche, ein bellender Hund. Ab und zu ein Flugzeug, das den Himmel durchkreuzt. Zur Gebetszeit in Taizé Stille mit 2000 Menschen, unterbrochen nur durch ein Hüsteln hier und da. Dann Singen. Die Stimmen des so dicht besetzten Raumes erklingen und bilden ein Netz von Schwingungen, das meine Seele berührt und in das hinein sie sich ausweiten kann. Die feinen Schwingungen durchdringen alle inneren Schichten. Sie erreichen Orte, die meist verdeckt sind und im Dunkeln bleiben. Ganz weich füllen sich alle Schichten in mir auf, bringen einen feinen Lichtstrahl auch in das Dunkelste in mir. Transzendenz. Transformation. Altes loslassen, offen sein für das Neue.

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Taizé III

Ich spreche sie auf dem Campingplatz an. Sie zeltet alleine, wie ich letztes Jahr auch. Ich finde es toll, einer Frau zu begegnen, die so reist wie ich und beginne genau so das Gespräch. Sie sei gekommen, um abends an den Gebeten in Taizé teilzunehmen, sagt sie. Ja, dafür bin ich auch angereist, sage ich. Ob sie auch am Morgen am Ostergebet teilgenommen habe, frage ich. Nein, sagt sie, das war ihr zu früh. Ich überlege, soll ich ihr erzählen, dass das Morgengebet das absolute Highlight war, ein ergreifendes Erlebnis, mit Musik und Eucharistie, das mich tief berührt hat? Wird sie womöglich ein schlechtes Gewissen bekommen, dass sie dieses Gebet verpasst hat und vielleicht bereuen, doch nicht aufgestanden zu sein? Ich hole Luft und sage schließlich: „Ja, die Abendgebete sind wunderbar.“

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Wie geht das?

Ich wache auf. Es ist früh und noch ganz ruhig draußen. Seit vier Jahren leiden die Menschen in der Ukraine unter Drohnen- und Raketenangriffen aus Russland. Hatten die Menschen in Kiew und anderen Städten eine ruhige Nacht oder mussten sie in Keller und U-Bahn-Schächte flüchten? Ich freue mich auf das Frühstück, Tee und selbstgemachte Marmelade. Millionen von Menschen sind im Sudan auf der Flucht, lassen alles zurück auf der Suche nach Schutz, Sicherheit und Frieden. Hatten sie heute eine Mahlzeit? Ich sitze in der Pause im Lehrerzimmer bei einer Tasse Kaffee und einem Käsebrot. Israel hat den Iran angegriffen. Der Iran reagiert und greift im Gegenzug Israel an. Wie wird sich dieser Krieg entwickeln? Das sind die Kriegsherde, die mir gerade bewusst sind. Wie viele gibt es noch, die es mir nicht sind? Und wie passt das zusammen, dass ich meinen Tag genieße und den Kaffee in meiner Hand, und Menschen irgendwo auf der Welt in Not sind und leiden?

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Auftanken

Ich laufe durch den Wald, am Hang entlang bergauf. Von unten her dröhnt das Motorengeräusch der Autos auf der Autobahn. Ich schlängele mich Kurve um Kurve weiter hinauf. Das Dröhnen der Autos kommt auch in dieser Höhe noch an. Weitere Kurven, weitere Höhenmeter. Ich komme immer höher, das Geräusch der Motoren bleibt. Erst ganz oben auf der Kuppe lasse ich die Geräusche der Zivilisation hinter mir und betrete den Raum der Natur. Hier oben erst bestimmen die Vögel mit ihrem Gesang ganz und gar die Geräuschkulisse. Vogelgezwitscher überall um mich herum, ganz nah und auch weiter entfernt. Verschiedenste Laute, hell und dunkel dringen aus dem Wald. An der Weide neben mir surren Hummeln um die ersten Blüten. Ein leichter Wind wiegt die Grashalme. Um das zu erleben, lege ich diesen Weg zurück. Das Stadtleben verlassen: Hier tanke ich auf! Für diese Momente lege ich den ganzen Weg zurück.

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Erwachen

Monatelang war es dunkel, grau und kalt oder nass gewesen. Monatelang war das Wetter so unwirtlich, dass ich lieber drinnen blieb. Eingehüllt in Jacke und Schal bewegte ich mich ohne Umwege von A nach B, von meiner Wohnung zur Schule, von der Schule zum Supermarkt, vom Supermarkt nach Hause. Ab und an überredete ich mich zu einem Spaziergang, um dann doch wieder irgendwo einen Kaffee zu trinken.
Nun waren seit einer Woche die Temperaturen gestiegen, es war sonnig und warm. Ich stand am Fenster und schaute raus. Das Wetter lockte und ich stand da und schaute. Vier Monate hatte es mich nicht nach draußen gezogen. Wie viele verregnete Nachmittage hatte ich auf dem Sofa verbracht. Ich stand da, als hielte mich etwas zurück. So gewöhnt war ich, mir das Wetter nur von drinnen anzuschauen. Und dann gab ich mir einen Ruck. Ich nahm mein Rad aus dem Fahrradkeller und radelte los.
Was für ein Erlebnis das war, die Natur wieder erwachen zu sehen! Alles surrte und zwitscherte, an den Bäume zeigten sich die ersten Knospen. Als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Wie berauschend!

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Im Fluss

Seit Tagen ist der Himmel durchgehend bewölkt, grau in grau und kalt ist es auch. Ich will am Nachmittag in den Garten und meinen Eimer mit den Küchenabfällen leeren. Ich werde wohl nur den Eimer leeren, mehr nicht. Das Wetter ist einfach nicht einladend genug, um länger draußen zu bleiben. Im Garten dann greife ich zur Astschere und fange an, mal hier, mal da die Hecke zu kürzen. Aus ‚mal hier‘ und ‚mal da‘ wird die halbe Hecke. Ich bin im Fluss und mache einfach weiter. Das Tun nimmt mich ganz in Beschlag. Ich rücke die Leiter immer ein Stückchen weiter und kürze das nächste Stück. Erst als es allmählich dämmert und die Hecke durchgehend gekürzt ist, stelle ich die Leiter weg. Ach wie schön: Ich war so im Tun, dass ich das graue Wetter völlig vergessen habe.

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Erinnerungen

Ich habe viel erlebt in meinem Leben, wie alle Menschen. Ich habe in Indien gelebt und ich habe in Neuseeland gelebt. Es gibt viele Erinnerungen an meine Jahre im Ausland. Manchmal tauchen Bilder auf, hervorgerufen durch Geräusche, oder Gerüche oder Geschmäcke. Ich tauche dann ein in die Gefühle, die mit der Situation verbunden waren. Meine Erinnerungen habe ich wie in Ordnern nach Jahreszahlen sortiert. Ich kann sie nach Bedarf hervorholen und auch davon erzählen, wenn ich danach gefragt werde. Ohne Nachfrage habe ich wenig Bedürfnis, davon zu erzählen. Es sind abgeschlossene Kapitel. Ich lebe im Hier und Jetzt. Ich will präsent sein und wahrnehmen, wo ich jetzt gerade bin und was um mich herum passiert. Ich möchte nicht in Erinnerungen, im Vergangenen hängenbleiben. Auch wenn ich schon häufiger in Paris war, ist es mir kein Bedürfnis, von all den Malen zu erzählen, die ich dort war. Zwar überlege ich manchmal, ob diese oder jene Erinnerung für mein Gegenüber interessant sein könnte. Aber oft entscheide ich mich gegen das Erzählen und widme mich ganz dem Hier und Jetzt.

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