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Chop wood and carry water

Trump wurde als Präsident wiedergewählt. Er wurde als Straftäter verurteilt, erhält aber keine Strafe. In Kalifornien wüten die schlimmsten Waldbrände des Landes. Im Kongo herrscht Bürgerkrieg. In München ist ein junger Mann mit seinem Auto in eine Demonstration gefahren, in Berlin wurde ein Tourist niedergestochen. Es passiert so viel Schreckliches, die Ereignisse häufen sich immer schneller und ich kann sie auch nicht nachvollziehen.
Immer wieder suche ich für mich nach Halt und nach Inseln der Ausgeglichenheit und Zufriedenheit in der immer chaotischer werdenden Welt. Und ich erinnere mich an ein Zen-Koan: „Chop wood and carry water“. Ich übersetze das für mich so: Kümmere dich um das, was jetzt im Moment anliegt. Konzentriere dich auf die Notwendigkeiten des Alltags, gib deine Energie dort hinein und gib deinen Ängsten keinen Raum. Ich schneide jetzt die Zwiebel, das Gemüse, ich koche, ich esse. Und dann schaue ich, was als nächstes anliegt. Chop wood and carry water.

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Erdrückt

Vom 27. Dezember bis zum 4. Januar habe ich mit einem Team eine Woche lang eine Familienfreizeit mit 80 Teilnehmer*innen aller Altersgruppen in Thüringen mitgestaltet. Die Woche war voll, lebendig, abwechslungsreich und anstrengend. Zurück zu Hause hatte ich nur einen Tag, um mich zu erholen. Dann fing die Schule wieder an. Für die kommenden Wochen hatte ich außerdem etliche Seminare geplant. Alle fanden statt und es kam sogar noch eins hinzu. Ich verschob alles, was nicht ‚Arbeit‘ war, und den ganzen Januar über arbeitete, aß und schlief ich, arbeitete, aß und schlief ich. Ende Januar ging mir die Puste aus. Ich verbrachte den ein oder anderen Nachmittag völlig ermattet auf der Couch. Aber ich hatte es tatsächlich geschafft, alle Termine wahrzunehmen und gesund zu bleiben. Ich freute mich darüber und war auch stolz auf mich, dass ich mich wirklich gut auf die Umstände eingestellt hatte. Was ich dann aber erst viel später feststellte war, dass meine Kreativität in dieser Zeit völlig versiegt war. Nichts von dem, was in den Wochen passiert war, inspirierte mich zu einer Geschichte. Die so dichte Zeit hatte mein Schreiben völlig erdrückt. Also brauchte Inspiration Raum und Luft, um sich einstellen zu können? So deutlich hatte ich das noch nie erkannt.

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Platz für alle

Aus dem Küchenfenster sehe ich den Parkplatz. 52 Wohnungen hat das Haus, vielleicht steht die ein oder andere leer, vielleicht hat eine Mietpartei kein Auto, vielleicht haben andere zwei. Alle parken ihre Autos nebeneinander, ohne dass die Plätze durch Striche abgeteilt sind, wie man es von Supermarktparkplätzen kennt. Daher stehen wieder alle in ganz unterschiedlichen Abständen zueinander. Die meisten Autos stehen so weit auseinander, dass man nicht nur die Fahrertür bis zum Anschlag öffnen kann, sondern selbst dann noch Abstand zum Nachbarauto hat. Wenn nur zwei Fahrer ihre Autos ein Stück näher zueinander parken würden, hätte noch ein drittes Auto Platz, denke ich. Wenn ich selbst parke, versuche ich genug Abstand zu halten, um noch einigermaßen bequem aussteigen zu können, gleichzeitig aber eng genug, dass noch möglichst viele Fahrzeuge auf dem Platz unterkommen. Warum nur, frage ich mich immer wieder, parken die Leute nur so weit auseinander? Denken sie beim Einparken nicht daran oder haben sie Angst, dass ihr Auto Schrammen abbekommt? Ich verstehe es nicht.

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Spaziergang mit Katze

Wenn ich abends nach Hause komme und die Wohnungstür öffne, zwängt sich meine Katze an mir vorbei und will raus. Warum nicht, denke ich und öffne ihr auch noch die Haustür. Draußen bleibt sie stehen und dreht sich nach mir um, als warte sie auf mich. Ich gehe also ein Paar Schritte auf sie zu. Sie läuft voraus und ich hinterher, dann bleibt sie stehen und ich gehe voraus und sie läuft mir hinterher. Immer wieder bleibt sie stehen und schließt dann wieder zu mir auf. Sie läuft nicht wie ein Hund auf dem Bürgersteig neben mir her, sondern sucht immer die Deckung einer Hecke, an der sie dicht entlangläuft oder kürzt den Weg durch einen Vorgarten ab. Wenn sie einen Hund wittert, der abends noch von Herrchen oder Frauchen Gassi geführt wird, verschwindet sie plötzlich und ist nicht mehr zu sehen. Erst ein paar Meter weiter taucht sie aus irgendeinem Schatten neben mir auf. Sie hat anscheinend immer im Blick, wo ich gerade bin. So drehen wir abends im Dunkeln die ein oder andere Runde ums Karree.

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Absage

Ich bin mit Florin um 10 Uhr verabredet. Es will bei mir vorbeikommen und dann wollen wir zusammen einen Kaffee trinken gehen. Um 10 Uhr bin ich bereit. Florin kommt mit dem Bus und der kommt ja nicht auf die Minute passend an. Ich warte. Es wird 10.10 Uhr. Ich wundere mich. Warum er sich wohl verspätet, frage ich mich und werde doch allmählich unruhig. Um 10.20 Uhr rufe ich ihn an. Er geht ans Telefon. Oh, sagt er, ach du Schreck, das habe ich ja total vergessen. Zuerst wellt Ärger in mir auf. Als wir uns vor ca. 10 Tagen verabredet hatten, sagte er, er trage den Termin sofort in seinen Kalender ein. Denn das ist jetzt schon das zweite Mal, dass er eine Verabredung verschwitzt hat. Na prima, ich bin ihm anscheinend einfach nicht so wichtig, denke ich. Ich bin frustriert und enttäuscht. Dann schießt mir durch den Kopf: Oh gut, dann kann ich gleich zum Wertstoffhof fahren. Florin entschuldigt sich abermals und versichert mir, wie unangenehm ihm das sei. Und ein neuer Gedanke taucht in mir auf: Florin ist über 70. Vielleicht hat er es wirklich einfach nur vergessen. Bei diesem Gedanken belasse ich es schließlich.

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Vorfreude

Kalte und nasstrübe Tage wechselten sich ab. Seit Monaten war ich immer nur kurz im Garten gewesen, um den Komposteimer aus der Küche zu leeren. Der Garten lag im tiefen Winterschlaf. Es war ungemütlich, weil es kalt oder nass war und das lud einfach nicht dazu ein, dort länger zu verweilen. Und dann, letzte Woche, war der erste Tag, der nicht mehr ganz so kalt und sonnig und hell war. Das Wetter rief mich regelrecht hinaus und ich fuhr in den Garten. Ohne zu zögern fing ich an, den Apfelbaum zu schneiden und die Hecken. Ich bestaunte die ersten Tulpenblätter, die sich aus dem Boden wagten, ich lauschte den Vögeln, die um die Wette zwitscherten, ich genoss auf der Bank die Sonne. Ich spürte, wie sich in mir die Vorfreude auf den Frühling regte, auf das neue Erwachen der Natur, auf das Licht und die kommende Wärme. Ich spürte eine neue Energie und eine Lebendigkeit in mir, wie ich sie über Wochen hinweg nicht empfunden hatte.

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Deutsche Sprache, schwere Sprache

Er soll die Zeit nutzen, sagt seine Klassenlehrerin zu Raman, der seit anderthalb Jahren in Deutschland ist. Er hat große Mühe, sich die deutsche Sprache anzueignen. Während sich andere, die mit ihm angefangen haben, schon mit komplexeren Strukturen auseinandersetzen, kämpft er noch mit dem Präsens. Er hat so gar keinen Zugang zu dieser neuen Sprache. In sechs Monaten wird er die Schule ohne Abschluss beenden. Aber ob er „Nutze die Zeit“ versteht? Da wird etwas von ihm gefordert, diese Energie kommt sicherlich an. Das Wort „Zeit“ versteht er vermutlich auch. Aber was soll er mit der Zeit machen? Putzen, das Wort kennt er schon. Die Zeit … nutzen? … putzen? Was soll das bedeuten.
Weiterhin stelle ich fest, sagt die Lehrerin, dass du sehr oft fehlst. Das Wort „stellen“ kennt er vermutlich: Ich stelle die Flasche auf den Tisch. Aber was haben stelle und oft fehlst miteinander zu tun?
Festgefügte Ausdrücke und zusammengesetzte Verben bilden eine große Hürde in der deutschen Sprache.

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Innerer Kampf

Ich bin total heiser und habe keine Stimme. In der Schule habe ich mich krankgemeldet. Sofort kommt mir die Idee, in die Sauna zu fahren, zumal heute nur Frauensauna ist. Das ist doch auch gut für die Gesundheit, denke ich. Beim Frühstück merke ich, dass ich gar keine Kraft dafür habe. Dort sein, das würde ich schon gerne und mich in der Wärme entspannen. Aber das geht halt nicht ohne zu packen, hinzufahren, einen Parkplatz zu suchen, mich umzuziehen und die Entscheidung zu treffen, in welchen Saunaraum ich zuerst will. Nein, ich brauche noch einen Tag Ruhe. Totale Ruhe. Mich nochmal hinlegen? Schaffe ich das bei dem herrlichen Sonnenschein? Der Körper will Ruhe, keine Entscheidungen treffen, keine Anforderungen. Nichts, wirklich nichts. Welchem Drang gebe ich nach? Der Lust auf Sauna oder dem Ruhebedürfnis des Körpers?

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Belegte Brötchen

Ich bin sonntags abends in der Barbarossa-Bäckerei. Auf dem Tresen neben der Kasse steht eine Kiste mit belegten Brötchen. Ob die billiger abgegeben werden, frage ich den Verkäufer, jetzt, da sie gleich schließen. Nein, das dürften sie nicht, erklärt er mir. Und was passiert dann damit, hake ich nach. „Die werden weggeschmissen.“ Ich bin fassungslos. Die Brötchen sehen noch richtig gut aus und die sollen gleich Müll sein? Für einen Preisnachlass hätte ich sofort einige Brötchen mitgenommen. Warum lässt die Bäckerei gute Ware lieber zu Müll werden als sie preiswerter abzugeben oder an die Tafel zu spenden?

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Neujahrswünsche

In einer Runde bringen wir alle unsere Wünsche für das neue Jahr zum Ausdruck: Eine wünscht sich einen neuen Werkraum, weil der jetzige ihr gekündigt wurde. Eine andere wünscht sich einen guten Verlauf ihrer anstehenden Reise. Eine weitere wünscht sich eine neue Partnerschaft. Eine Vierte wünscht sich, mit ihrer Massagepraxis Erfolg zu haben. Noch eine weitere wünscht sich, weiterhin gesund zu bleiben. Als ich an die Reihe komme, wünsche ich mir, weiterhin meinen Weg zu gehen und den für mich bestimmten Weg zu erkennen.

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