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Fahrrad fahren

In meiner alten Wohnung bin ich kaum Rad gefahren, zum einen war es dort sehr hügelig, zum anderen waren die Straßen sehr fahrradunfreundlich. Ich packte mein Klappbike schon mal ins Auto, fuhr zu einem Ausgangspunkt und machte von dort aus eine Radtour, aber ich fuhr nie mit dem Rad zum Einkaufen. Von meiner neuen Wohnung aus ist es näher in die Stadt und es ist flach. Es kommt mir jetzt öfter in den Sinn, aufs Fahrrad zu steigen und loszuradeln.
Bei einem Abendtermin überlege ich, ob ich mit dem Auto hinfahre oder vielleicht doch das Rad nehme. Es ist nicht weit zu fahren, aber es ist schon dunkel und es ist nass vom Regen an den Vortagen. Ich überlege hin und her. Der bequeme Teil in mir will sich ins Auto setzen … ‘und gut ist’. Der andere Teil in mir hat Lust, sich selbst auf den Weg zu machen, mich den Elementen auszusetzen und mich körperlich zu betätigen. Welchem Teil gebe ich nach? Die Lust auf Bewegung gewinnt. Ich habe große Freude daran, zu der Veranstaltung zu radeln, die Kälte zu spüren, mich zu bewegen. Und auf dem Rückweg genieße ich die nächtliche Atmosphäre und die leeren Straßen.

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Erschüttert

Was für ein Jahr! In wichtigen Bereichen war mein Leben erschüttert worden. Mein Bruder war an Leukämie gestorben. Nach einem langem Krankheitsverlauf, von dem ich nichts gewusst hatte, kam sein Tod überraschend schnell. Einen Tag später hatte mir mein Vermieter die Wohnung gekündigt. Es zog mir den Boden unter den Füßen weg. Und dann war da mein Zusammenbruch. Der warf mich gänzlich aus der Bahn. An all diesen Ereignissen konnte ich nicht das geringste ändern. So vieles musste ich dieses Jahr bewältigen, an dem ich nichts ändern konnte. In meiner Hand lag nur, wie ich darauf reagierte. Ich konnte auf das Leben fluchen oder ich konnte mich fragen: ‘Was hat das Leben da gerade mit mir vor? Wie kann ich trotzdem offen und neugierig bleiben auf das, was da noch kommen mag?’

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Ein schwieriges Jahr

2023 war ein schwieriges Jahr für mich. Letzten Dezember fing es mit der ungerechtfertigten Mieterhöhung an. Ich setzte mich mit Unterstützung des Mieterschutzbundes dagegen zur Wehr. Das Thema überschattete die Festtage. Es ging Monate hin und her und ließ mir keine Ruhe. Mein Bruder verstarb im Februar, ohne dass ich ihn noch einmal sehen konnte. Am Tag nach der Nachricht von seinem Tod hatte ich die Wohnungskündigung im Briefkasten. Eins davon hätte doch wirklich gereicht. Aber nein … Ich ließ mir Zeit vor der Beerdigung und fing erst danach mit der Wohnungssuche an. Im Mai hatte ich den Zusammenbruch mitten im Unterricht. Sechs Wochen ging gar nichts. Ich konnte nicht mehr Auto fahren und war nur per Bus unterwegs. Die Wohnungssuche musste wieder warten. Als ich dann endlich eine passende Wohnung gefunden hatte, ging es mit der Umzugsplanung weiter. Wer konnte mir die Wohnung tapezieren und streichen? Wo bekam ich eine passende Küche her? Welchen Stromanbieter sollte ich wählen? Wie würde ich den Umzug gestalten, würde ich ein Unternehmen bezahlen oder ihn mit Helfern selbst machen? Und und und … Als der Umzug endlich bewältigt war, gab es zudem noch vier Wochen lang große Schwierigkeiten beim Internetzugang. Mal ging er, mal nicht. Parallel suchte ich nach Möbeln. Die vorherige Wohnung war teilmöbliert gewesen und mir fehlte noch so einiges. Im November lief der TÜV meines Wagens ab. Mein langjähriger KFZ-Mechaniker, der sich darum kümmern wollte, hatte kurzerhand seinen Job geschmissen. Und seit geraumer Zeit hatte ich auch noch Zahnschmerzen. Jetzt ist Dezember und ein Jahr vergangen. Es war ein wirklich schwieriges Jahr.

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Die Küche

Ich suche nach einer Küche für meine neue Wohnung. Ich suche im Internet bei Kleinanzeigen und überprüfe, ob mir die Küche gefällt, ob die Maße stimmen und der Preis. Eine Küche spricht mich an und ich kontaktiere die Person und frage nach einem Besichtigungstermin. Zur verabredeten Zeit stehe ich vor der Adresse. Ein Transporter mit der Aufschrift “Entrümpelungen” steht vor der Tür. Ich komme in eine gediegene Altbauwohnung. Zwei Männer in Blaumännern sitzen in der Küche bei Take-Away-Essen und einer Flasche Bier. “Das ist die Küche”, sagen sie, “schauen Sie sich nur um” und essen derweil weiter. Ich schaue mir die Küche genau an. Ich sehe, dass sie mit Leisten maßgeschneidert eingepasst ist. ‘Da hat jemand viel Geld investiert’, denke ich. Ich öffne Schubladen, um zu sehen, ob sie funktionieren und stoße auf Nudeln und Reis. ‘Merkwürdig, dass die Küche gar nicht leer geräumt ist.’ Einer der Männer führt mich durch die Wohnung, falls ich noch etwas anderes bräuchte. Im Wohnzimmer finden sich, genau wie in der Küche, an die Wände eingepasste Echtholzregale, gediegene Sessel und ein Ledersofa. Auf dem Wohnzimmertisch liegt allerlei Zeug herum. Im Schlafzimmer das gleiche Bild, ein vermutlich maßangefertigtes Bett mit Kleiderschrank dazu, in Vollholz. Auf dem Bett liegen Berge von Kleidern, Männerkleider und Frauenkleider. „Das alte Ehepaar, das hier wohnte, ist verstorben, es gibt keine Erben, oder die wollen oder können sich nicht drum kümmern. Jetzt wird alles verramscht”, kommentiert der Entrümpler. Diese so wunderbar eingerichtete Wohnung, so viel Geld und Mühe, die da reingesteckt worden sind, denke ich erschrocken. Und jetzt ist alles nur noch Ramsch.

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Wohnungssuche

Die erste Wohnung, die ich mir anschaute, lag ruhig, es gab keine großen Straßen, die für meine Katze gefährlich sein konnten und sie war bezahlbar. Ich war auch die erste, die sie anschaute und hatte somit noch keine Mitbewerber. Ich hätte einfach nur ja zu sagen brauchen. Aber etwas in mir wollte nicht. Was hinderte mich nur daran? Ich bat um eine Nacht Bedenkzeit. Am nächsten Tag fuhr ich noch einmal dort vorbei, um mir eine zweite Chance zu geben. Es blieb bei einem Nein, was mein Kopf überhaupt nicht verstehen wollte. Ich ließ mich trotzdem von meinem Bauchgefühl leiten – und sagte die Wohnung ab. In den folgenden Wochen schaute ich mir an die 30 weitere Wohnungen an. Zuerst suchte ich nach einer im gleichen Stadtteil, da ich dort aber nichts Passendes fand, erweiterte ich meinen Radius. Ich besichtigte eine Wohnung, die nur Nordfenster hatte und eine andere, die ein*e Raucher*in bewohnt hatte und deren Tapeten kalten Rauch ausdünsteten. Eine weitere Wohnung hatte kein Stück Grün drumherum, und noch eine andere war Teil eines Zweifamilienhauses, das der Besitzer zu fünf verwinkelten Wohnungen umgebaut hatte, bei denen man klaustrophobisch werden konnte. Eine Zwei-Zimmer-Wohnung stellte sich als EinZimmer-Wohnung heraus. Eine Wohnung, die mir hätte gefallen können, war just fünf Minuten vor meinem Termin von dem freundlichen Vermieter schon vergeben worden. Bei einer weiteren, die ich den Bildern nach zu urteilen wirklich, wirklich gewollt hätte, bekam ich erst gar keine Rückmeldung. Als ich schließlich die Wohnung besichtigte, die ich jetzt bewohne, dachte ich auch zuerst: ‘nein’. Mir gefiel zwar die besondere Architektur, die Wohnung war jedoch total nackt: die Wände mussten tapeziert und gestrichen, Lampen angeschlossen, Gardinenstangen angebracht werden, es gab weder Herd noch Spüle, noch Spiegel oder Ablage im Bad – einfach nichts. Ich wollte es wirklich etwas einfacher haben: zumindest mit Küche und tapeziert. Aber mir ging die Wohnung anschließend nicht aus dem Sinn. Wie wenn man sich verliebt und immer wieder an diese eine Person denken muss, so dachte ich an diese Wohnung. Trotz der erschreckend vielen Arbeit, die noch hineinzustecken sein würde, ließ ich mich von meinem Bauchgefühl leiten. Und sagte zu.

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Neurodermitis

Als ich mit 19 zum Studium nach Göttingen ging, hörte ich zum ersten Mal, dass Kortison schädlich ist. Mein Leben lang hatte ich mich gegen meine Neurodermitis mit Kortisonsalbe eingecremt. Ich hörte also damit auf. Die Neurodermitis brach am ganzen Körper aus, großflächig. Sie juckte und nässte und die Baumwoll-T-Shirts klebten an den Wunden fest. Wolle konnte ich nicht mehr tragen, auch nicht mehr über Baumwolle, sie kratzte höllisch auf der Haut. Ich cremte mich nur mehr mit einer Fettcreme ein. Meiner Mutter zufolge war alles nur eine Frage der Ernährung: kein Fleisch, keinen Zucker und keinen Alkohol! Ich probierte es aus. Die Neurodermitis blieb. Mir reichte das mit der Ernährungserklärung nicht aus, also suchte ich nach anderen Wegen. Ich fühlte mich entstellt und unansehnlich, mied Menschen und ließ das Studium schleifen. Ich begann eine Therapie und hatte das große Glück, dass der Therapeut nur 15 Mark für die Sitzung wollte, eine Summe, die ich als Studentin gerade so aufbringen konnte. Er begleitete mich über etliche Jahre hinweg und half mir schließlich auch das Studium zu beenden. Als ich nach Indien ging, entließ er mich jedoch mit dem Verdacht auf ein traumatisches Erlebnis in meiner Kindheit. Ich fiel aus allen Wolken. Was …?? Ich konnte mich an nichts dergleichen erinnern. Und mir einfach nichts Schlimmes vorstellen. Wir waren doch eine heile Familie.

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Prioritäten

Als ich mit dem Studium fertig war, schauten sich meine Kommilitonen nach einer Anstellung um. Ich konnte mir so gar nicht vorstellen, das gleiche zu tun und in ein geregeltes Leben einzusteigen und für die Rente zu arbeiten.
Als ich Paul kennenlernte und er von einem eigenen Haus mit Frau und Kindern schwärmte, langweilte mich diese Vorstellung nur. Auf einer Party des Goethe-Instituts lernte ich einen Inder kennen. Das fand ich viel spannender und besuchte ihn später im Jahr für zwei Monate. Ich entschied mich, zu ihm nach Neu Delhi zu ziehen, er wurde mein Mann. War das mutig? Ich ließ mich auf 45° C und mehr im Sommer ein, auf Strom- und Wassersperren, auf 38° mit 90% Luftfeuchtigkeit im Monsun, auf Kakerlaken, bettelnde Kinder und leprakranke Bettler auf den Straßen. Ich lernte die Welt und das Leben aus einer anderen Perspektive kennen. Die Jahre dort haben meinen Horizont erweitert. An die Rente habe ich da nicht gedacht. Nach drei Jahren ging ich zurück nach Deutschland. Mein Mann kam mit, konnte aber in Deutschland beruflich nicht Fuß fassen. Er ging nach Neuseeland und ich folgte ihm. Wieder traf ich auf eine ganz andere Welt, mit dem Stern des Südens am Firmament, dem Sommer im Dezember, dem Winter im Juli und mehr Schafen als Menschen. War das mutig? An Rente dachte ich immer noch nicht. Die Ehe ging auseinander und da es für mich beruflich in Neuseeland immer schwieriger wurde, entschloss ich mich nach vier Jahren, nach Deutschland zurückzukehren. War das mutig? Ich habe immer genug Geld verdient, um das zu machen, was ich mochte, in einem bescheidenen Umfang. Ich wohne in einer Mietwohnung und fahre ein 14 Jahre altes Auto. Ich werde nie ein Haus oder eine Wohnung besitzen oder mir ein neues Auto kaufen. Ich hatte einfach immer andere Prioritäten.

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Nähe

Vielleicht begann es mit meinem Zusammenbruch in der Schule. Bevor mich der Krankenwagen ins Krankenhaus brachte, gab sie mir ihre Handynummer, falls ich etwas bräuchte. Als ich sie über den Stand der Untersuchungen informierte, freute sie sich von mir zu hören. Als ich nach sechs Wochen wieder in die Schule ging und noch nicht ganz auf der Höhe war, hielt sie mir den Rücken frei. Bei einem Besuch nach Unterrichtsende in meinem Klassenraum sprach sie über ihre Fürsorgepflicht, und ich erzählte ihr kurz von meiner Wohnungskündigung und dem Tod meines Bruders. Zu meinem Geburtstag kurz darauf drückte sie mir einen Kuss auf die Wange. Bei einer Begegnung im Lehrerzimmer berührten sich zufällig unsere Hände. Nach den Sommerferien erkundigte sie sich ausführlich nach meiner neuen Wohnung, die ich nach langem Suchen endlich gefunden hatte. Als wir nach einigen Wochen bei einem Lehreressen zusammen an einem Tisch saßen, wiederholte sie ganz ausdrücklich und langatmig, welche Pläne sie und ihr Mann für die Zukunft hätten. Ich war überrascht, nicht darüber, dass sie verheiratet war, das war allgemein bekannt, ich wunderte mich mehr darüber, in welcher Situation sie sich wähnte, von der sie sich so deutlich abgrenzen wollte.

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3

Ich leite ein zweitägiges Seminar. Zum Kennenlernen lade ich die Teilnehmenden ein, drei Zahlen zu notieren, die in ihrem Leben gerade eine Rolle spielen. Ich notiere für mich: “1, ca.12, 66119”, um zu zeigen, wie ich es meine. Ich lasse die Teilnehmenden erstmal raten, wofür die “1” stehen könnte. Ein Mann? Ein Kind? Nein, ich habe eine Katze. Zu “ca. 12” erzähle ich, dass ich ca. 12 kg Kartoffeln in meinem Garten geerntet habe und zu “66119” berichte ich, dass ich in einigen Wochen in den Stadtteil von Saarbrücken ziehen werde, der diese Postleitzahl trägt. Später im Seminar frage ich aus Neugier meine Sitznachbarin, wofür die “3” bei ihr steht. Drei Kinder? Nein. Drei Haustiere? Nein. Sie habe drei Lieblingsmenschen in ihrem Leben: ihren Mann, ihren Sohn und ihre Schwester. Ich werde ganz nachdenklich und frage mich: Wer sind denn meine Lieblingsmenschen?

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Was ich bin, was ich kann

Ich wollte immer Reiten lernen und habe es nur ansatzweise erlernt. Ich hätte auch sehr gerne ein Musikinstrument spielen gelernt, um mich musikalisch auszudrücken. Über die Blockflöte in der Grundschule bin ich nicht hinausgekommen. Auch Zahlen liegen mir nicht. Ich habe einmal ganz kurzfristig in der Buchhaltung gearbeitet und sehr schnell erkennen können, dass ich in diesem Bereich talentfrei bin. Dafür liegt mir der Sprachunterricht. Ich habe wirklich viel Geduld, mit den Schülerinnen Grammatikthemen einzuüben und zu wiederholen und nochmal zu wiederholen und nochmal. Ja, ich habe da sogar große Freude dran. Am Wiederholen vielleicht etwas weniger, aber an der Sprachvermittlung an sich. Kommen die Schülerinnen aber mit einem Mathethema und wollen eine Übung von mir erklärt haben, reißt mir sehr schnell der Geduldsfaden. Und mir liegt Gartenarbeit. Ich liebe es, in der Erde zu buddeln, zu schneiden, zu säen, zu pflanzen, zu ernten und das Geerntete zu verarbeiten. Da habe ich Ausdauer und Geduld. Ich muss mich weder überwinden noch empfinde ich die Arbeit als anstrengend oder schmutzig. Ich lebe mich im Garten und in der Küche kreativ und künstlerisch aus. Ich wäre auch gerne Jazzsängerin geworden, wie Nina Simone, deren Musik mir unter die Haut geht. Ich kann leider nur mäßig singen und die Töne nicht halten. Dafür liegt mir das Schreiben. Die Worte fließen mir nur so aus der Hand. Ich jongliere mit ihnen, lasse mir ihre Wirkung auf der Zunge zergehen und genieße sie wie einen guten Kaffee. Ich lasse meine Seele durch die Worte in die Geschichten fließen. Und ich kann Menschen ganz tief zuhören und sie begleiten. Ich stelle mich ihnen zur Verfügung, um Konflikte zu entwirren und ihnen einen Schritt weiterzuhelfen.
Ich bin introvertiert und liebe die Ruhe. Ich ziehe einen ruhigen Waldspaziergang einer lauten Musikveranstaltung vor. Ich muss nicht alles gesehen haben und überall dabei gewesen sein. Dafür habe ich den Schatten beobachtet, den die Sonne wirft und am Morgen lange den Tau auf den Blumen betrachtet.
Kann ich mich ganz so annehmen, wie ich bin? Kann ich annehmen, welche Talente und Fähigkeiten ich habe und auch loslassen, was mir nicht gegeben wurde, was ich nicht erlernt habe oder erlernen konnte?

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