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Der Teelöffel

Ich mache auf halbem Weg zum Sign of the Kiwi (einem Denkmal) halt und setze mich in ein Café mit Blick über die Stadt. Am Nachmittag ist die Sonne rausgekommen und es hat sich so aufgewärmt, dass ich im Windschatten ohne Jacke und Pulli sitzen kann. Ich bestelle einen Flat White und bezahle sofort, wie es in Neuseeland üblich ist. Ich genieße die Sonne, die freie Zeit, die Entspannung und die Aussicht auf Christchurch, das sich unter mir ausbreitet. Ich löffle auch noch den Schaum aus und entdecke dabei den Teelöffel. Er hat am Stilende einen Koru, einen eingerollten Farn, ein Symbol für Neuseeland. Ich verliebe mich augenblicklich in diesen Teelöffel und sofort gehen die Gedanken los: Was könnte ich tun, um an diesen Löffel zu kommen? Die Bedienung fragen, wo sie das Besteck her haben? Dann müsste ich in der Stadt das Geschäft suchen. Lohnt sich der Aufwand? Und wenn ich das Geschäft finde und sie das Besteck nicht mehr haben? Ich könnte die Bedienung fragen, ob ich ihn ihr abkaufen kann? Und was, wenn sie nein sagt? Ich könnte den Löffel auch ‘loslassen’ und vergessen. Meine Gedanken gehen hin und her. Ich gehe jeden Gedanken noch einmal einzeln durch und lasse ihn sich setzen. Welche Möglichkeit setzt sich durch? Welche Option ist am erfolgversprechendsten? Und langsam keimt eine weitere Möglichkeit in mir auf. Ich betrachte sie von allen Seiten. Kann ich das mit meinem Gewissen vereinbaren? Und dann … stecke ich den Teelöffel in meine Tasche, stehe auf und gehe in der Hoffnung, dass ihn niemand vermissen wird. Heute freue ich mich jedes Mal, wenn ich den Teelöffel in der Hand habe. Ich erinnere mich an den Tag in der Sonne mit dem Blick auf Christchurch und das Gefühl von Unbeschwertheit.

Hast du schon einmal etwas mitgenommen, was dir nicht gehörte? Wie ist es dir hinterher damit ergangen?

Thank you so much

Ich fliege mit Singapore Airlines in der Economy Class. Das Flugpersonal ist freundlich und sichtlich bemüht, es uns, den Fluggästen, so angenehm wie möglich zu gestalten. Sie teilen das Essen mit einem Lächeln aus. Wiederholt bieten sie Getränke an. Später gehen sie immer wieder durch die Gänge und bieten Becher mit Wasser an. Sie halten die Toiletten sauber und sammeln Abfall ein. Begegne ich einer Flugbegleiterin auf dem Gang und weiche ihr aus, bedankt sie sich mit: “Thank you so much.” Wenn ich einem Flugbegleiter meinen leeren Becher überreiche, reagiert er mit: “Thank you so much.”

Wie ernst meine ich meine eigenen Floskeln? Wann benutzt du Floskeln, die du nicht wirklich so meinst?

Das Ende einer Freundschaft

Ich habe Caro und Tim vor ca. 23 Jahren in Christchurch kennengelernt. Sie waren auch gerade ausgewandert und wir trafen uns oft und tauschten uns aus. Irgendwann entschied ich mich, nach Deutschland zurückzugehen. Caro kam zwei oder drei Mal nach Deutschland und besuchte ihre Eltern. Bei diesen Gelegenheiten trafen wir uns. Wir freuten uns, einander zu sehen uns auszutauschen und über unser Leben auf dem Laufenden zu halten. 2016 flog ich nach Neuseeland und besuchte sie in Nelson, wo sie zwischenzeitlich hingezogen waren. Ich verbrachte eine schöne Woche bei ihnen. 2020 wollten Caro und ich zusammen nach Australien fliegen. Wegen Corona mussten wir alle Pläne fallen lassen. Im Juni oder Juli hatte Neuseeland die Grenzen wieder geöffnet und Reisen dahin waren wieder möglich. Ohne viel Vorplanung buchte ich einen Flug nach Christchurch und schrieb Caro meine Pläne. Ihre Reaktion war sehr verhalten im Vergleich zu 2016. Sie freue sich, dass das Reisen wieder möglich sei. Nichts in ihrem Mail drückte den Wunsch aus, dass wir uns treffen mögen. Erst auf meine Nachfrage hin, wann wir uns sehen würden, lud sie mich zu sich nach Nelson ein. Auf meine Bitte hin, ob es nicht möglich sei, dass sie nach Christchurch käme, antwortete sie, ihr Auto sei 25 Jahre alt und sie wolle nicht mehr so weit damit fahren. Auf meine Idee hin, uns auf halbem Weg zu treffen, meinte sie, sie habe gerade nicht genug Geld. Bei meinem dritten Angebot, ich würde ihr die Busfahrt nach Christchurch bezahlen, hatte sie wiederum ein anderes Argument. Ich rief sie an und versuchte herauszufinden, was sich für sie verändert hatte. Bei diesem Telefonat konnte ich für mich nicht erschließen, was bei ihr passiert war. Wir haben uns schlussendlich nicht getroffen. Ich war wirklich sehr enttäuscht. War ich doch ans andere Ende der Welt gereist – auch, um sie wiederzusehen. Mir ist Klarheit wichtig und es fällt mir wesentlich leichter, damit umzugehen, wenn jemand zu mir sagt: “Du, für mich hat sich einfach ganz viel verändert,” als wenn ich hingehalten werde oder ausweichende Antworten erhalte.

Wie teilst du einer Person mit, wenn du sie nicht mehr sehen möchtest? Wie gehst du damit um, wenn jemand den Kontakt zu dir beendet?

Verwurzelt

Ich war in dieses Land gekommen, um zu bleiben. Deutschland hatte ich für immer den Rücken gekehrt. Sofort habe ich geschaut, wo und wie ich mich verwurzeln konnte. Oft, sehr oft und immer wieder fuhr ich an den Strand und machte lange Spaziergänge. Ich begann das Meer, seine unendliche Weite, den Wind und den Wechsel von Ebbe und Flut zu lieben. Ich fand ein Café, das ich sehr mochte und ging immer wieder dorthin. Irgendwann brachte die Bedienung mir meinen Flat White ohne zu fragen. Ich entdeckte auch andere Lieblingsorte. Ich fuhr sehr gerne die Port Hills hinauf und genoss den Blick über die Stadt zur einen und auf die Bucht von Diamond Harbour zur anderen Seite. Ich lernte Crumpets lieben und Cheese Scones und Fish & Chips. Aber wie fehlte mir das deutsche Brot, das Glockenläuten sonntags morgens und die Hanuta-Waffeln. Ich gewöhnte mich an den Linksverkehr und an das wechselhafte Wetter. Wenn morgens die Sonne schien, konnte es eine Stunde später schon regnen oder ein kalter Südwind blasen. Auf das Wetter war nicht einmal einen Tag lang Verlass. Ich lernte, dass ein “How are you?” keine Antwort erforderte, sondern immer mit einem “Good, thanks. How are you?” beantwortet wurde. Schwer tat ich mich damit, dass die Tage im April kürzer wurden und es im Mai anfing kalt zu werden. Mein Geburtstag lag nun im Winter, im Juli. Ich lernte das dünnbesiedelte Land, die so andersartige Natur und die Berge in ihrer Abgeschiedenheit lieben. Ich vermisste am Himmel den Großen Wagen und entdeckte dafür das Kreuz des Südens. Menschen, die ich kennenlernte, wuchsen mir ans Herz. Ich ließ mich ganz tief auf dieses Land ein und lernte es mit jeder Faser lieben.
Weil meine berufliche Situation sich immer weiter verschlechterte, entschied ich mich jedoch nach vier Jahren schweren Herzens, nach Deutschland zurückzukehren. Vier Mal habe ich inzwischen das Land wieder besucht. Ich fühle mich dort sehr vertraut und sehr fremd, beides. Auch wenn es nun 20 Jahre her ist, dass ich Neuseeland verlassen habe, werde ich dem Land immer verbunden bleiben.

Hast du schon einmal angefangen, in einem anderen Land Wurzeln zu schlagen? Was hast du entdeckt und was hat dir gefehlt?

Regenstimmung

Die Wolken hängen tief im Tal und verdecken die Kämme der Berge. An den Ästen haben sich Tropfen vom Regen gesammelt. Seit Tagen regnet es, mal stärker, mal gibt es kurze Regenpausen. Die Vögel singen ohne Unterlass. Die Nässe lässt sie nicht verstummen. Die Bäume harren aus. Sie jammern nicht über zu viel Regen, sie warten nicht sehnsüchtig auf die Sonne. Stille. Bis auf die Vögel, die unbeeindruckt weiter singen. In der Ferne ist das intensive Rauschen eines Flusses zu hören, der vom vielen Niederschlag stark angeschwollen ist. Der Boden ist gesättigt und der Weg voller Pfützen. Die Gleichmütigkeit der Natur nimmt mich gefangen. Ich frage mich, ob es einen Raum in mir gibt, der unbeeindruckt und ruhig bleibt, egal welches Wetter um mich herum herrscht.

Gibt es einen Raum in dir, der ruhig und unbeeindruckt bleibt, egal was um dich herum geschieht?

Überschwemmung

Drei Tage hat es durchgeregnet, eine Menge an Wasser, die sonst in drei Jahren fällt. Gestern, als ich die Strecke von Spring Junction nach Norden fuhr, war schon erkennbar, dass die Wiesen bis zur Brücke links und rechts der Straße regendurchtränkt waren. Sonst war noch nichts weiter auffällig. Heute morgen stehen Warnschilder an der Straße: Flooding. Noch denke ich mir nichts dabei. Als ich die Brücke überquere, erblicke ich vor mir nur noch eine einzige Wasserfläche. Die Wiesen können den Regen schon lange nicht mehr aufnehmen. Zudem hat der Fluss sein Bett verlassen und das Land übernommen. Es ist nicht mehr erkennbar, wo das Flussbett sich durch die Grasweiden schlängelt, und wo das Land ist. Nur die Straße ist gerade noch als ein dunkler Streifen im Wasser auszumachen. Ich traue mir zu, diese stehende Wasserfläche noch zu durchfahren. Aber dann, wenige Meter weiter, erwartet mich ein ganz anderes Bild. Der Fluss strömt quer über die Straße. Wie hoch das Wasser hier ist, ist nicht mehr erkennbar. Ob ich mit dem Auto da noch durchfahren kann? Ich halte an und überlege. Wie komme ich denn sonst zurück nach Christchurch? Oder muss ich noch weitere Tage im Motel bleiben, bis die Überschwemmungen zurückgehen? Ich warte darauf, dass mir ein anderes Auto entgegenkommt, um zu schauen, wie der/die Fahrer*in sich verhält. Wenn jemand anders sich das traut, dann werde ich das wohl auch können. Lange kommt niemand. Ob vielleicht die Straße auf der anderen Seite gesperrt ist, so dass gar niemand mehr durchkommen kann? Und dann, nach einer ganzen Weile, sehe ich ein entgegenkommdes Auto. Es fährt langsam auf den Abschnitt zu, den der Fluss überströmt und durchquert ihn in der vermuteten Mitte der Fahrbahn. Also ist es noch möglich, denke ich. Mein Herz rast. Was ist, wenn ich es nicht schaffe und die Strömung mich in die Wiesen abdrängt? Mit durchgedrücktem Gaspedal durchfahre ich die Strömung und spüre die Kraft, mit der das Wasser seitlich gegen das Auto drückt. Ich muss mit dem Lenkrad gegensteuern und sekundenlang kämpfe ich mit dem Wasser unter mir. Ich komme sicher auf der anderen Seite an und bin froh, als ich das Hochwassergebiet irgendwann verlasse.

Bist du schon einmal den Naturgewalten ausgesetzt gewesen? Was hast du erlebt und wie hast du reagiert?

Auf der Suche

Wenige Monate, nachdem mein Mann und ich nach Neuseeland ausgewandert waren, trennten wir uns. Ich fühlte mich so verloren, völlig fremd. Ich war am anderen Ende der Welt. Ich kannte niemanden und war ganz auf mich gestellt. Finstere Wochen folgten. Ich schleppte mich dahin. Zurückzugehen war keine Option für mich, soviel stand fest. Also musste ich bleiben und weitermachen. Was konnte mir hier Halt geben? Ich machte mich auf die Suche. Erst schaute ich nach einer Gemeinde der Kirche, mit der ich aufgewachsen war. Es gab eine lutheranische Gemeinde in Christchurch. Ich fuhr in die kleine Kirche, die einzige, die die Lutheraner dort hatten. Ich wurde herzlich begrüßt und willkommen geheißen. Dennoch fühlte ich mich dort nicht wohl. Ich suchte weiter und ging zu Gottesdiensten und Messen verschiedener Religionen, von allen, die ich in der Stadt finden konnte. Ich ging zu den Anglikanern, den Baptisten, den Orthodoxen, den Evangelikanern und den Quäkern. Ich fand es total spannend, die verschiedenen Rituale kennenzulernen. Bei jedem Besuch überprüfte ich, ob ich mich dort wohlfühlte und etwas wie Geborgenheit verspürte. Ich war von allen Religionen beeindruckt, ohne jedoch das zu finden, was ich suchte. Irgendwann besuchte ich die Messe der katholischen Basilika. Mir gefiel, dass sie durch den Chor begleitet wurde und ich genoss es, die vertraute Musik von Bach zu hören. Irgendetwas bewegte mich, ein weiteres Mal dorthin zu gehen. Ich erfuhr, dass es auch täglich um 12 Uhr eine 30minütige Messe gab. Da die Basilika genau hinter der Polytechnic-Hochschule lag, wo ich zu der Zeit arbeitete, konnte ich sie jeden Tag in meiner Mittagspause besuchen. Sie wurde zu einem festen Bestandteil meines Tagesablaufes. Die immer wiederkehrenden Rituale und der feste Ablauf gaben mir Struktur und inneren Halt in der mir so fremden Welt.

Woran kannst du dich festhalten, wenn du den Boden unter den Füßen verlierst? Was gibt dir inneren Halt?

Abgeschiedenheit

Ich sitze in den Neuseeländischen Alpen in einem Motel im Sessel und schaue auf den Regen draußen. Als ich ankam, hat mir der Manager alles gezeigt, mir noch etwas frische Milch für den Tee gebracht und sich dann wieder zurückgezogen. Die beiden anderen Zimmer sind nicht vermietet. Niemanden zieht es zu dieser Jahreszeit in die Abgeschiedenheit. In 30 Kilometer Entfernung gibt es einen Fish & Chips Shop, der allerdings wegen der Pandemie nur Take-Away-Gerichte macht und um 16 Uhr schließt. Reids Store, den ich durch das Fenster sehen kann und der laut Internet köstlichste Gerichte anbietet, hat zugemacht. Gegen halb vier kommt der kleine Schulbus, holt acht Kinder von der Schule ab und bringt sie zurück zu ihren weitverstreut gelegenen Farmen. Dann gibt es nur noch den Regen. Ich beobachte, wie sich die Menge und Intensität der Tropfen, die in die Pfützen fallen, verändert. Ab und an höre ich ein Auto auf der Verbindungsstraße von der Ostküste nach Westen oder nach Norden. Sonst nichts. Drumherum nur Natur. Es gibt nichts zu besichtigen oder zu erledigen. Wanderungen sind im Dauerregen wenig einladend und wegen der Überschwemmungen gefährlich. Die Tropfen, die in die Pfützen fallen, sind jetzt ganz fein, ein Nieselregen. Ein Auto kommt. Die Fahrerin steigt aus und geht zu den Postfächern. Jetzt hämmern starke Regentropfen herab. Die Frau springt in ihr Auto zurück und fährt weg. Es fängt an zu dämmern und es ereignet sich nichts weiter. Ich füge mich in die Abgeschiedenheit des Ortes, die Ereignislosigkeit, den Regen und genieße es.

Kennst du Abgeschiedenheit und Ereignislosigkeit? Was lösen sie in dir aus?

Linksverkehr

In Neuseeland ist alles verkehrt herum: Der Verkehr fährt entgegengesetzt zu dem, was mir in Fleisch und Blut übergegangen ist, nämlich links. Wenn ich losfahren will, gehe ich ganz automatisch an die linke Seite des Mietautos und merke erst dann, dass das Lenkrad auf der rechten Seite ist. Nach jedem Parken und nach jedem Tanken will ich wieder aufs Neue auf der ‘falschen’ Seite einsteigen. In der Stadt passe ich mich dem Verkehrsfluss an, das gelingt ganz gut. Als ich jedoch ein Wochenende in die Berge fahre und der Verkehr weniger wird, muss ich mich ganz bewusst darauf konzentrieren, auf der linken Seite zu bleiben. Irgendwann mache ich eine Pause. Als ich vom Parkplatz wieder auf die Straße fahre, stelle ich mit Schrecken fest, dass ich auf der rechten Fahrbahn fahre und lenke sofort nach links rüber. Gott sei Dank kam mir gerade niemand entgegen. Ganz besonders irritierend finde ich es, wenn ich mal mit jemandem mitfahre. Ich sitze dann auf der mir gewohnten Fahrerseite und habe weder Lenkrad noch Pedale. Meine Füße jedoch bremsen ganz automatisch bei jeder roten Ampel mit.
Wenn ich zu Fuß unterwegs bin und eine Straße überqueren will, schaue ich automatisch in die falsche Richtung. Von links kommt kein Auto, da ist immer frei. Einmal betrete ich die Fahrbahn und höre ein lautes Hupen. Da erst begreife ich, dass ich nach links anstatt nach rechts geschaut habe. Gott sei Dank ist nichts passiert. Als Fußgängerin in der Stadt oder auf Rolltreppen in einem Einkaufszentrum wundere ich mich, dass ich öfter Menschen anremple, bis ich auch da begreife, dass ich auf der falschen Seite gehe oder stehe. Sobald ich das Haus verlasse, muss ich mich auf den Verkehr konzentrieren. Die erste Woche und vielleicht noch länger bin ich abends völlig erschöpft.

Hast du schon einmal eingefleischte Gewohnheiten umstellen müssen? Was ist dir dabei alles passiert?

Kia Ora in Aotearoa – Willkommen im Land der langen weißen Wolke

Wenn ich in Deutschland in einem Lokal ein Bier bestellen möchte, sage ich: “Ein Bier bitte!” und es erregt keinerlei Aufsehen. Wenn eine Neuseeländerin ein Bier bestellen möchte, sagt er oder sie: “Könnte ich bitte ein Bier haben?” Alles wird hier freundlich eingepackt, umschrieben und durch die Blume gesagt. Nichts wird direkt angesprochen oder ausgesprochen. Wenn ich hier “Ein Bier bitte” sage, werde ich auch auf Grund meines Akzents als Deutsche identifiziert. Wir gelten hier als effizient, direkt und dadurch oft verletzend. Ein anderer Unterschied, über den ich gestolpert bin, ist die Frage: “How are you?” Sie wird immer und überall gestellt, an jeder Supermarktkasse, in jedem Café, beim Tanken, im Vorbeigehen an einer Parkbank. Und es wird als Antwort nichts weiter erwartet als die Standardfloskel: “I’m good, thanks. How are you?” Noch ein weiterer auffälliger Unterschied ist, dass jede Erfahrung, sei es ein Ausflug, ein Essen, eine Wanderung oder ein Kinobesuch, positiv kommentiert wird: “Oh, ja, das war eine schöne Wanderung.” Oder: “Das war ein toller Film!” Es ist immer und alles positiv. Vielleicht am Ende wird in einem kurzen Nebensatz erwähnt, dass das Wetter nicht durchgängig so gut war, oder dass der Film ein paar Längen hatte, mehr aber nicht. Für mich war es eine Herausforderung und eine Anstrengung, alles was ich gesehen, gemacht oder erlebt hatte, positiv zu erzählen. Ich empfand es im Grunde als unehrlich, so etwas zu sagen, wenn es bei der Wanderung nur geschüttet hatte oder mir der Film nicht gefallen hatte. Hier aber gilt es als respektlos und unhöflich, dies so direkt zu formulieren. Die Unterschiede zwischen beiden Kulturen liegen nicht nur in den verschiedenen Sprachen, sondern auch in den Feinheiten, die einem keine*r erklärt und die einem erst nach längerer Zeit durch viele, auch schmerzvolle Erlebnisse erfahrbar werden.

Hast du dich schon einmal auf eine andere Kultur eingelassen? Welche Unterschiede sind dir dabei aufgefallen?

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