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Singen

Am Anfang sind es nur schwarze Punkte auf horizontalen Linien auf einem Blatt Papier, manche mit kurzen vertikalen Strichen daran, andere ohne solche Striche. Es ist einfach nur ein Blatt mit vielen schwarzen Punkten. Mehr nicht. Als der Chorleiter die Melodie auf dem Klavier anspielt, höre ich zum ersten Mal, was sich hinter den Punkten verbirgt. Da haucht er zum ersten Mal Leben in die schwarzen Punkte. Wir beginnen das Stück zu singen und es füllt sich mit Leben. Die Melodie mit dem Text zusammen öffnet etwas in mir, da ist ein innerer Raum und etwas in mir kommt ins Schwingen. Dort verlasse ich mein weltliches ICH und trete in eine andere Dimension ein, eine Dimension, in der es mir gelingt, für einen Moment mit etwas Größerem zu verschmelzen. Ich gehe ganz in der Melodie auf und kehre am Ende des Liedes gelöst und aufgetankt wieder zurück.

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Frühstück

Es gibt einen Pädagogischen Tag in der Schule. Eines der drei Themen an diesem Tag ist Ernährung. Wir werden gefragt, ob wir frühstücken und wenn ja was. Sofort beginnt ein hitziges Gespräch: “Also, ich gehe ohne Frühstück aus dem Haus.” – “Nein, das geht ja gar nicht, ohne Frühstück läuft bei mir nichts”, widerspricht eine andere. “Oh nee, Süßes zum Frühstück. Ich brauche was Herzhaftes morgens”, kontert eine dritte. Eine weitere Person reagiert lautstark: “Nein, weder Süßes noch Herzhaftes. Ich brauche morgens mein selbstgemachtes Müsli aus geschrotetem Korn!” Und ich denke: Ach, das ist ja interessant, so macht Petra das also und Annkatrin isst gern Herzhaftes morgens und Susanne macht ihr eigenes Müsli.
Etliche Tage später erzählt mir Franka von ihrem Chorauftritt, den sie am Abend haben würde. Seit einem Jahr probten sie für diesen Auftritt, sagt sie. Am Tag zuvor hätten sie vier Stunden Generalprobe mit Stellprobe gehabt. “Oh, nein!”, rutscht es mir heraus. “Das wäre ja nichts für mich. Das ist ja viel zu stressig.” Also verfalle auch ich immer mal wieder in dieses Widerspruchsmuster? Wir lernen ein Leben lang dazu, auch ich.

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Urlaubsplanung

Ich erkläre in jedem meiner GFK-Einführungskurse, dass wenn ich mich über ein Thema aufrege, die Ursache nicht bei der Person liegt, die etwas gesagt oder getan hat, sondern bei mir.
Ich erzähle einer Freundin, dass ich Ostern wegfahren will. Sie fragt, ob ich mir nicht vorstellen könne, dass sie mitkommt. Ich überlege erst und stimme dann zu. Da sie gerade mehr Zeit hat, bitte ich sie, doch nach einem Pauschalangebot zu schauen für das Land und zu den Eckdaten, auf die wir uns jetzt geeinigt haben. Eine Woche später habe ich noch nichts von ihr gehört und hake bei ihr nach. Ja, sie habe sich einiges angeschaut und schon einiges gefunden, aber noch nichts gebucht. Ich warte eine weitere Woche ab, bis ich mich wieder melde. “Lass uns treffen und die Angebote zusammen anschauen”, sagt sie. Ja, gut. Wir machen einen Termin aus und finden recht schnell etwas, das uns beiden gefällt. Als sie weiterklickt und der Button ‘Angebot buchen’ erscheint, wird sie zögerlich. Und was ist, wenn etwas dazwischen kommt? Sollte sie nicht eine Rücktrittsversicherung für uns abschließen? Sie fängt an, die Seiten nach Rücktrittsoptionen zu durchsuchen. Schließlich bucht sie gar nichts und möchte noch etwas Bedenkzeit. Ich verstehe nicht. Sie hatte so lange Zeit, sich mit dieser Reise auseinanderzusetzen und es sich zu überlegen, und dann im letzten Moment vor der Buchung zögert sie? Drei Tage später springt sie ab.
Ich habe mich sehr darüber geärgert. Sie hat etwas nicht getan und nicht gebucht, obwohl es ihre Idee war mitzukommen. Jetzt kommt es darauf an: Kann ich, wie ich es in meinen Seminaren unterrichte, die Ursache für meinen Ärger bei mir selbst sehen und der Schuldfalle entgehen?

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Erklärungen

Ich erzähle Georg, dass es bei mir ganz in der Nähe eine Fußgängerbrücke gibt, die erst unter der Autobahn hindurch und dann über die Saar führt. Wenn man aus der Unterführung herauskommt, läuft man durch eine Abgaswolke, bevor man die Saar überquert. Er beginnt mir zu erklären, warum sich die Abgase da stauen. Ich will doch nur davon erzählen. Nach dem Warum hatte ich nicht gefragt.
Peter erzählt mir, dass er sieben Wochen zuckerfrei leben will und wie schwer das sei, bei all den Gummibärchen und anderen Süßigkeiten, die neben der Kaffeemaschine lägen. Ich erzähle ihm, dass ich Toastbrot gekauft und auf der Inhaltsliste entdeckt hätte, dass da auch Zucker drin sei. Ja, sagt er und erklärt mir im Detail, warum im Toastbrot Zucker ist. Ich wollte eigentlich nur davon berichten, was ich entdeckt hatte. Nach dem Warum hatte ich nicht gefragt.
Jan erzählt ich, dass ich in einem Jazzkonzert war, mit Piano, Schlagzeug und Sitar und wie toll mir das gefallen hat. “Es war ein besonderes Hörerlebnis mit der Sitar”, sage ich. Und Jan beginnt aufzuzählen, welche besonderen Instrumente im Jazz schon mitgespielt hätten und dass das gar nicht so außergewöhnlich sei. Ich wollte nur von dem Konzert berichten. Mehr nicht.
Warum wollen diese Männer denn nur alles erklären, frage ich mich.

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Herz ist Trumpf

Spielerisch ziehen wir unsere Trümpfe: Sie sei jünger, sagt sie. Ja, das stimmt. Sie wohne mietfrei. Ja, ich wohne zur Miete aber ich kann gut kochen. Nein, kochen könne sie nicht. Ein Punkt für mich. Aber sie verdiene mehr Geld. Das stimmt. Da kann ich keinen Trumpf entgegensetzen. Sie besitze zwei Autos. Ich ziehe schmunzelnd meine Trümpfe: Ich besitze zwei Fahrräder. Eins ihrer Autos sei ein Porsche. Eins meiner Räder ist ein E-Bike, hake ich lachend ein. Warum nur, frage ich mich, schaut sie trotz allem, was sie hat, so unzufrieden aus.

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Stau

Ich fahre abends auf der Autobahn zurück in die Stadt. Als ich näherkomme, überlege ich kurz, eine Ausfahrt früher zu nehmen und durch die Stadt zu fahren. Ich beachte den Impuls nicht weiter und bleibe auf der Autobahn. Wenige Kilometer weiter stehe ich im Stau. Im Radio höre ich die Meldung, dass wegen des Fußballspiels die Abfahrt zum Stadion gesperrt sei und es deswegen zum Stau käme. Warum nur bin ich meiner Eingebung, früher abzufahren, nicht gefolgt? Ich nehme mir vor, Eingebungen künftig ernster zu nehmen.

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Das Paket

Sie kümmert sich um den Nachlass unseres verstorbenen Bruders. Sie schreibt mich an, ob ich Interesse an zwei Bildern hätte, von einer uns beiden bekannten Malerin. Ja, antworte ich, warum nicht. Die Wände meiner neuen Wohnung sind noch ganz leer. Einige Tage später kommt das Paket an. Es enthält neben den zwei Bildern noch drei Bücher und etliche weitere Fotos. Einen Tag später trifft noch eine Papprolle ein. Dazu schreibt sie mir: “Ich schicke dir hier noch weitere alte Kalender und andere Bilder.” Eigentlich hatte ich nur zu den zwei Bildern ja gesagt.

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Westflügel

Eine Freundin will mich in meiner neuen Wohnung besuchen. Ich beschreibe ihr genau, wie sie mich findet: Der Eingang ist hinter dem Haus auf der rechten Seite im Westflügel. Mein Name steht an der Klingel. Um die vereinbarte Zeit klingelt es. Ich öffne die Tür, aber da steht niemand. Ich vermute, dass sie den Haupteingang genommen hat. Ich ziehe mir feste Schuhe an und gehe über den Hof zum Haupteingang. Und tatsächlich, da steht sie, etwas verwirrt. “Ich habe dir doch genau beschrieben, wie du zu meiner Wohnung kommst, um es dir leichter zu machen”, sage ich. “Ach, das habe ich gar nicht so genau gelesen”, sagt sie.

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Auf dem Bürgeramt

Ich bin auf dem Bürgeramt. Eine junge Frau mit zwei kleinen Kindern steht vor mir am Terminal und zieht eine Nummer. Ich setze mich und warte. Noch weitere Personen kommen, die eine Nummer ziehen. Nach einer Weile sehe ich, wie die Mutter aufsteht und zum Infoschalter geht. Ihre Nummer war wohl auf dem Bildschirm aufgerufen worden und sie hatte es nicht gesehen. Ich höre nicht, was gesagt wird, ich sehe nur, wie sie abermals zum Terminal geht und eine Nummer zieht. Ich stehe ganz spontan auf, gehe auf sie zu und biete ihr meine Nummer im Tausch an, damit sie nicht so lange warten muss. Erst zögert sie, schaut mich an: “Wenn es Ihnen wirklich nichts ausmacht?” – “Nein. Bitte, dann müssen sie nicht so lange warten mit den Kindern.” Ich gebe ihr die 58 und sie mir die 68. Sie bedankt sich überschwänglich. Die Augen aller Wartenden sind auf uns gerichtet. Was mögen diese Menschen wohl denken? Die 58 erscheint recht bald auf dem Bildschirm. Beim Rausgehen bedankt die junge Mutter sich abermals. Ich werde noch eine ganze Weile auf die 68 warten müssen, freue mich aber, dass ich ihr eine Freude machen konnte.

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Fahrrad fahren

In meiner alten Wohnung bin ich kaum Rad gefahren, zum einen war es dort sehr hügelig, zum anderen waren die Straßen sehr fahrradunfreundlich. Ich packte mein Klappbike schon mal ins Auto, fuhr zu einem Ausgangspunkt und machte von dort aus eine Radtour, aber ich fuhr nie mit dem Rad zum Einkaufen. Von meiner neuen Wohnung aus ist es näher in die Stadt und es ist flach. Es kommt mir jetzt öfter in den Sinn, aufs Fahrrad zu steigen und loszuradeln.
Bei einem Abendtermin überlege ich, ob ich mit dem Auto hinfahre oder vielleicht doch das Rad nehme. Es ist nicht weit zu fahren, aber es ist schon dunkel und es ist nass vom Regen an den Vortagen. Ich überlege hin und her. Der bequeme Teil in mir will sich ins Auto setzen … ‘und gut ist’. Der andere Teil in mir hat Lust, sich selbst auf den Weg zu machen, mich den Elementen auszusetzen und mich körperlich zu betätigen. Welchem Teil gebe ich nach? Die Lust auf Bewegung gewinnt. Ich habe große Freude daran, zu der Veranstaltung zu radeln, die Kälte zu spüren, mich zu bewegen. Und auf dem Rückweg genieße ich die nächtliche Atmosphäre und die leeren Straßen.

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