Türkei 2

Kommen und Gehen
Am zweiten Tag habe ich mehr oder weniger den Überblick, wer außer mir zu Gast im Hotel ist und wer welches Zimmer bewohnt. In der Nacht höre ich Geräusche, die ich zuerst nicht einordnen kann. Dann wird mir klar, dass es Rollkoffer auf den Steinplatten sind. Jemand reist ab oder jemand kommt an. Am nächsten Morgen fehlen Gesichter beim Frühstück und neue Menschen sehen sich suchend nach dem Restaurant um, so wie ich am ersten Tag. Die beiden Männer aus England aus dem Zimmer unter mir hört man über den ganzen Hof. Sie grüßen alle, die vorbeigehen mit lauter, durchdringender Stimme. Drei Tage später ist Stille. Sie sind abgereist. Das junge Paar, im Zimmer an der Ecke, immer mit einer Zigarette im Mund, er mit einem unzufriedenen Gesichtsausdruck, ist irgendwann auch weg. Kein Zigarettenrauch zieht mehr in mein Zimmer. Bei dem Ehepaar gegenüber höre ich abends Würfel klackern. Ihr abendliches Spielen werde ich hören, solange ich da bin. An meinem ersten Tag gab es eine Horde von Kindern, die im Pool planschten und die treppauf, treppab auf dem ganzen Hotelgelände Versteck spielten. Irgendwann höre ich sie nicht mehr. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen. Nur das Personal, das bleibt. Wie viele Gesichter sehen sie wohl im Laufe eines Monats, ganz zu schweigen von einem ganzen Jahr?

Erholung
Ein Hotelpalast neben dem anderen säumt die Küste, einer größer und prächtiger als der andere. Der Strand ist gespickt mit Liegestühlen soweit das Auge reicht. Die Altstadt ist voller Restaurants und Geschäfte, vor denen allen jemand steht und einen zum Eintreten, zum Angucken, zum Essen, zum Buchen eines Ausflugs hereinbittet. Das Frühstück und das Abendessen im Hotel wird mit Musik aus Lautsprechern untermalt, so dass ich kaum die Vögel hören kann. So habe ich mir meinen Urlaub und Entspannung eigentlich nicht vorgestellt.

Side
Die Altstadt von Side ist auf den Ruinen, in den Ruinen und mit den Ruinen einer alten römischen Festung gebaut. Der Eingang zur Altstadt wird von einem beeindruckenden Säulengang gesäumt und man fährt auf ein imposantes Amphitheater zu. Überall stehen riesige Steinquader. Im Ort finden sich auf kleinen Plätzen und sogar in Geschäften zahllose in den Boden eingelassene Glasplatten, unter denen Überreste aus jener Zeit zu sehen sind. Auf freien Grundstücken stehen Mauerreste. Im Hotel ist ein Bogendurchgang, der aus dieser Zeit stammen könnte, und auch die Mauerreste auf dem Gelände, die das Gründstück an manchen Stellen abgrenzen, wirken so. Oder wurden sie dort hinversetzt? Und wie ist der Übergang aus der Römerzeit wohl vonstatten gegangen? Wurde die Festung einfach so verlassen? Oder gab es ein Erdbeben? Stand sie lange leer? Was haben die gemacht, die dann kamen? Haben sie sich in dem eingerichtet, was sie vorfanden? Haben sie die Steine genutzt und so gesetzt, wie sie es brauchten? Wer hat dann entschieden, das zu konservieren, was noch da ist? Heute ist alt und neu fest miteinander verwoben und kaum voneinander zu trennen. Was für eine Wirkung das Alte wohl auf das heutige Leben hat?

In der römischen Kaiserzeit war Side eine bedeutende Hafenstadt und einer der wichtigsten Handelsplätze in Kleinasien. Im 10. Jahrhundert wurde die Stadt jedoch aus unbekannten Gründen verlassen und die Gebäude begannen zu verfallen. Ein Erdbeben im 12. Jahrhundert zerstörte viele der noch verbliebenen Bauwerke endgültig.
1895 gründeten türkische Flüchtlinge aus Kreta auf den Ruinen der südlichen Hälfte das Fischerdorf Selimiye, dass in den 1970er Jahren als Badeort entdeckt wurde und seitdem, wie viele Orte an der Türkischen Riviera, einen andauernden touristischen Aufschwung erlebt.
(www.reisewuetig.com)

Kleiderordnung
Die Türkei ist ein muslimisches Land, wenn auch vielleicht liberaler als manch anderes muslimische Land. Ich sehe Türkinnen mit Kopftuch und ohne Kopftuch, Türken in langen Hosen und langärmeligen Hemden, junge Türken in Shorts. Und ich sehe Touristen, Männer mit freiem Oberkörper, ihren von der Sonne krebsroten Bauch vor sich hertragend, ich sehe Touristinnen in mehr als engen Shorts. Ist das, was ich trage passend? Die Frage beschäftigt mich immer wieder.

Katzen 1
Ich sitze ganz früh morgens auf einem Stuhl auf der Terrasse in einem noch geschlossenen Café und genieße die Menschenleere, die Stille und das ruhige Meer. Eine Katze kommt und springt unaufgefordert auf meinen Schoß. Eine andere Katze sitzt etwas weiter auf einem anderen Stuhl. Sie scheint wohl ängstlicher zu sein. Nach einer Weile springt die Katze von meinem Schoß herunter und wendet sich etwas anderem zu. Ich schaue ihr nach und in dem Moment springt die Katze, die auf dem Stuhl saß auf meinen Schoß. Ich genieße die Zuwendung der Katzen sehr.

Katzen 2
Nachts schleicht eine Katze über meinen Zimmerbalkon und durch die offene Verandatür zu mir ins Bett. Sie kuschelt sich ohne viel Aufhebens an mich an. Als ich mich zu ihr drehe, bleibt sie seelenruhig liegen, auch als ich sie zu streicheln anfange, murrt sie kein bisschen. Ja, sie dreht sich sogar auf den Rücken und lässt mich ihren Bauch streicheln. Ich bin verblüfft über dieses Vertrauen. Vielleicht habe ich sie die Tage schon mal gestreichelt? Dennoch, dass sie mir in der ersten Nacht so vertrauensvoll den Bauch zeigt, das verblüfft mich wirklich. Bei so vielen Menschen, die hier kommen und gehen – woher weiß sie, dass sie bei mir in guten Händen ist?

Katzen 3
Ich liebe Katzen. Ich liebe sie wirklich sehr. Ich habe ja auch selbst eine zu Hause. Ich bin beglückt, im Hotel auf so viele freundliche Katzen zu treffen, eine schöner als die andere, und die allermeisten lassen sich sehr gerne streicheln. Irgendwann fange ich an, ihnen Futter zu geben. Dann entdecke ich, dass nicht nur im Hotel, sondern überall Katzen leben, auf der Strandpromenade, in den Ruinenfeldern, überall streunen Katzen herum. Auf Spaziergänge nehme ich nun auch Futter mit und gebe es den Tieren, die mir über den Weg laufen. Eines Abends begegne ich einer jungen einäugigen Katze und gebe ihr etwas. Aus allen Ecken beginnen weitere hungrige Katzen herbeizuströmen. Ich zähle über dreißig Artgenossen, die sich auf das Futter stürzen. Jetzt wird es mir doch etwas zu viel mit den Katzen.

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