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Warum

Ich habe dem Schuhmacher Schuhe zur Reparatur gegeben. Fertige Schuhe liegen immer mit den jeweiligen Abholnummern versehen in einem offenen Regal. Ich betrete den Laden und höre Stimmen aus der Werkstatt hinter dem Verkaufsraum. Die Zeit, bis jemand nach vorne kommt, nutze ich, um das Regal zu durchstöbern und nach meinen Schuhen zu suchen. Ich finde sie tatsächlich und lege sie auf die Theke. Als die Verkäuferin hereinkommt und sieht, dass ich die Schuhe selbst aus dem Regal genommen habe, wird sie ungehalten: „Da steht doch ‚Keine Selbstbedienung‘! Können Sie nicht lesen?“, fährt sie mich an. Ich bin überrascht. Warum reagiert sie so heftig? Ich sage: „Ich wollte Ihnen etwas Arbeit abnehmen. Wo ist das Problem?“ – „Es ist eben keine Selbstbedienung“, wiederholt sie nur.
In der Apotheke hole ich Tabletten ab, die ich bestellt und schon bezahlt habe. Ich will sie an der Theke entgegennehmen. Die Verkäuferin packt die Tabletten in eine Tüte. „Danke“, sage ich, „ich brauche keine Tüte.“ – „Das müssen wir so machen,“ entgegnet die Verkäuferin. „Warum das denn“, frage ich. „Das sind unsere Regeln“, sagt sie. Angenervt und verständnislos beende ich meine Erledigungen.

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Schulsystem

Die Schüler*innen sind genervt. Sie sollen alle Arbeitsmaterialien dabei haben und sie pfleglich behandeln, sie sollen 45 oder gar 90 Minuten stillsitzen, sie sollen ruhig sein und konzentriert zuhören, sie sollen aktiv mitarbeiten und alle Arbeitsaufträge ordentlich und gut leserlich ausführen, selbst wenn das Thema sie nicht interessiert oder völlig an ihrer Realität vorbeigeht.
Die Eltern sind genervt. Ihre Kinder haben ‚keinen Bock auf Schule‘ und bringen schlechte Noten mit nach Hause. Sie müssen immer wieder zu Elterngesprächen in die Schule kommen und sich anhören, was schiefläuft, dass sie ihre Kinder zum Lernen anhalten sollen, sie fördern sollen und dass sie den Social-Media-Konsum der Kinder einschränken sollen.
Die Lehrer*innen sind genervt. Sie sollen einen Lehrplan erfüllen, der die Schüler nicht interessiert oder völlig an ihrer Realität vorbeigeht. Sie sollen Daten erfassen, Gelder einsammeln, Listen führen, die Schüler motivieren, für Ruhe in der Klasse sorgen und auf die Nöte und Sorgen der einzelnen eingehen sowie bei sämtlichen Problemen untereinander vermitteln. Sie sollen im Dialog mit teils schwer erreichbaren, unkooperativen oder hilflosen Eltern sein, deren Perspektive einbeziehen und sich auch um deren Belange kümmern. Sie sollen über die Schulleitung immer wieder neue Anweisungen des Ministeriums umsetzen.
Schüler, Eltern, Lehrer, alle sind sie genervt und von der Situation schlichtweg überfordert.

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Beobachtung und Bewertung

Ich sitze mit der Schulsozialarbeiterin zusammen. Da sie lange krankgeschrieben war, ist sie nicht informiert, dass neue Schüler*innen ohne Deutschkenntnisse in meinen Unterricht gekommen sind. Ich erzähle von Jarrick, einem Jungen aus der Ukraine und Ahmad, einem Jungen aus Syrien. Der ukrainische Junge ist vor 8 oder 9 Wochen gekommen und der syrische Junge vor etwa 3 Wochen. „Jarrick ist wie ein Rennpferd“, sage ich. „Und Ahmad dagegen wie ein Ackergaul.“
Später am Abend überlege ich, was genau ich beobachtet habe, dass ich zu diesen Urteilen gekommen bin. Jarrick hat eine schnelle Auffassungsgabe. Und das Gelernte kann er gleich umsetzen. Ich brauche nicht viel zu erklären und er erfasst die Übungen, die ich ihm gebe. Er macht alle Aufgaben und dabei erstaunlich wenige Fehler. Ahmad hat Mühe, beim Schreiben in seinem Heft auf den Linien zu bleiben. Wenn er etwas von der Tafel abschreibt, finden sich darin 3 oder 4 Fehler. Auch jetzt noch konjugiert er: „ich wohnen, du wohnen, er/sie/es wohnen“. Diese Beobachtungen haben mich dazu verleitet, den einen mit einem Rennpferd und den anderen mit einem Ackergaul zu vergleichen. Ich nehme mir vor, genauer darauf zu achten, dass ich möglichst nur beobachte und nicht bewerte.

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Die Praktikantin

Ein fremdes Gesicht im Lehrerzimmer, eine junge Frau mit Kopftuch. Sie isst etwas und schaut auf ihr Handy. Wer das wohl ist, frage ich mich. Dann fällt mir ein, dass Auszubildende der naheliegenden Altenpflegeschule verschiedene Praktika absolvieren müssen und die Schulleiterin angekündigt hatte, dass die Schule einige übernehmen werde. Sie sollen den Unterricht der 5er- und 6er-Klassen begleiten und dort helfen, wo sie können. In der nächsten Pause sitzt die junge Praktikantin wieder alleine und schaut auf ihr Handy. Meine Kolleginnen holen sich einen Kaffee am Kaffeeautomaten und gesellen sich zueinander. Manche tragen etwas in Listen ein oder füllen Formulare aus, andere plaudern hier und dort zu zweit oder in kleinen Grüppchen. Sie bleibt alleine. Ich bin neugierig und setze mich zu ihr. Woher sie komme, frage ich sie? Aus Marokko. Wie ihr die Ausbildung und Deutschland gefielen, frage ich weiter. Und sie erzählt offen und freudig. Ich erzähle ihr, dass ich DaZ unterrichte und wer meine Schülerinnen sind. Wir unterhalten uns, bis der Klingelton das Ende der Pause verkündet. Am nächsten Tag das gleiche Bild in der Pause, meine Kolleg*innen sind beschäftigt, die Praktikantin sitzt alleine. Ich setze mich zu ihr und wir plaudern. Am Ende der Woche bedankt sie sich für die netten Gespräche. Ich freue mich, dass ich vielleicht dazu beitragen konnte, ihr das Praktikum etwas angenehmer zu gestalten.

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Yusuf

Yusuf ist ein freundlicher Junge in Klasse 6. Er spricht gut Deutsch und hat in den allermeisten Fächern große Mühe, dem Unterrichtsstoff zu folgen. Nach langem Hin und Her wurde er schließlich auf besonderen Bedarf getestet und soll nun am Ende des Schuljahres auf eine Förderschule wechseln. Als ich nach der Mittagspause über den Schulhof zu meinem Auto gehe, sehe ich Yusuf alleine abseits sitzen. Ich nehme mir die Zeit und setze mich zu ihm. „Wie geht es dir“, frage ich ihn. „Nicht gut“, antwortet er. „Warum,“ hake ich nach. Und er fängt an zu erzählen. Er wolle hier auf der Schule bleiben. Hier habe er Freunde und kenne alle Lehrer. An der anderen Schule kenne er keinen und das fände er doof. Nein, ich sage nicht zu ihm, dass er dort ganz sicher neue Freunde finden wird. Ich gebe wieder, was ich von ihm gehört habe. Nämlich, dass er hier an der Schule bleiben wolle, weil er hier Freunde habe und auch alle Lehrer kenne. Er fände es doof, auf eine andere Schule zu gehen. Nach den wenigen Sätzen steht er auf und meint ruhig: „Ich gehe jetzt spielen.“

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Auf der Jagd

Ich habe drei Blaubeerpflanzen in meinem Garten. Blaubeeren brauchen Erde mit niedrigem PH-Wert. Ich hatte sie in Behälter mit saurer Erde eingepflanzt. Innerhalb eines Jahres haben sie sich so entwickelt, dass ihr Wurzelwerk den ganzen Behälter ausfüllt. Ich sollte sie umpflanzen, denke ich. Wo kriege ich größere Behälter her? Kaufen? Ja, aber vielleicht kann ich irgendwo auch gebrauchte finden. Dabei geht es mir nicht allein um den Preis, sondern um die Weiterverwendung von etwas, was schon da ist. Ich suche also bei Kleinanzeigen nach Mörtelkübel. Tatsächlich wird einer in meiner Nähe sogar verschenkt. Ich nehme Kontakt auf. Die Kommunikation ist etwas holprig, aber schließlich kann ich ihn am nächsten Tag abholen. Ich mache ihn sauber und bohre Löcher in der Boden, damit keine Staunässe entsteht. Zwei weitere Kübel werden an einem anderen Ort etwa 20km entfernt angeboten. Auch da nehme ich Kontakt auf und bitte, mir den Durchmesser zu schreiben. Ich möchte nicht den ganzen Weg zurücklegen, um dann festzustellen, dass sie zu groß oder zu klein sind. Ich erhalte keine Antwort. Sollte ich doch noch zwei Kübel dazukaufen? Oder warten, bis wieder welche gebraucht angeboten werden? Ich überlege hin und her.
Dann fällt mir ein, dass ich vor einigen Tage vor einem Haus Sperrmüll gesehen und kurz wahrgenommen hatte, dass da auch schwarze Kübel standen. Zu dem Zeitpunkt hatte ich die Idee, die Blaubeeren umzutopfen noch nicht gehabt. Ob die Kübel da noch stehen? Ich könnte ja nochmal dort vorbeifahren. Und tatsächlich, da sind sie, zwei Kübel ungefähr so groß wie der erste. Zufrieden packe ich sie ein. Zu Hause merke ich, dass die beiden ganz fest zusammenstecken. Ich versuche sie auseinderzuziehen. Es gelingt mir nicht. Sollte ich sie vielleicht als einen benutzen und noch einen dritten dazukaufen? Ich versuche noch einmal, sie zu trennen und bitte auch noch jemanden mir zu helfen. Ohne Erfolg. Mir kommt schließlich noch die Idee, die beiden mit Hebelwirkung auseinanderzubringen. Und … es funktioniert! Ich habe drei ungefähr gleich große Behälter umsonst bekommen. Die ‚Jagd nach Behältern‘ ist geglückt. Jetzt kann ich mich ans Umtopfen machen.

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Die Hummel

Ich sitze im Gras am Ufer des Weihers. Eine Hummel kommt und umkreist mich. Ist es eine Hummel? Stechen Hummeln? Was, wenn sie mich sticht? Sie fliegt wieder weg. Ich bin beruhigt. Dann hör ich das nahende Summen erneut. Sie lässt sich neben mir im Gras nieder. Sucht sie Futter? Abwechselnd umkreist sie mich und krabbelt durchs Gras. Warum lässt sie mich nicht in Ruhe? Warum fliegt sie nicht weg? Ich überlege sie zu verscheuchen. Nein, ich will ihr nichts tun. Schließlich stehe ich auf, genervt von dem Surren. Ich weiche einen Schritt zurück und schaue, was sie macht. Ich sehe, wie sie landet und sich in ein kleines Loch im Boden verkriecht. Augenblicklich wird es still. Hatte ich doch auf ihrer Behausung gesessen und ihr den Eingang versperrt.

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Meine Stimme

Ich bin wieder in Taizé. 2000 Stimmen erfüllen die Halle. Ich singe gerne und meine Stimme mischt sich in die Gesamtheit der Stimmen. Ich bin eine passable Chorsängerin. Allein fällt es mir schwer, meine Stimmlage zu halten. Wenn ich im Chor zu nahe am Alt sitze, singe ich im Alt mit, obwohl ich doch Sopran bin.
Das Gebet ist zu Ende, die Mönche ziehen sich zurück. Der Großteil der Besucher geht. Vereinzelt bleiben kleine Grüppchen sitzen. Nach einer Weile höre ich, wie ein Lied angestimmt wird. Ich liebe dieses Lied. Ich sitze alleine etwas abseits und habe keine stimmliche Unterstützung. Kurz überlege ich: Und wenn ich falsch singe? Die Lust ist größer als die Sorge und ich stimme mit ein. Ich nehme meine eigene Stimme wahr. Mein Sopran erklingt, klar und stabil. Ich genieße es, meine eigene Stimme zu hören, wie sie trägt und den Raum miterfüllt.

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Transformation

Stille. Vogelgezwitscher. Mal blökende Schafe, mal das Muhen einer Kuh. Abends das Quaken der Frösche, ein bellender Hund. Ab und zu ein Flugzeug, das den Himmel durchkreuzt. Zur Gebetszeit in Taizé Stille mit 2000 Menschen, unterbrochen nur durch ein Hüsteln hier und da. Dann Singen. Die Stimmen des so dicht besetzten Raumes erklingen und bilden ein Netz von Schwingungen, das meine Seele berührt und in das hinein sie sich ausweiten kann. Die feinen Schwingungen durchdringen alle inneren Schichten. Sie erreichen Orte, die meist verdeckt sind und im Dunkeln bleiben. Ganz weich füllen sich alle Schichten in mir auf, bringen einen feinen Lichtstrahl auch in das Dunkelste in mir. Transzendenz. Transformation. Altes loslassen, offen sein für das Neue.

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Taizé III

Ich spreche sie auf dem Campingplatz an. Sie zeltet alleine, wie ich letztes Jahr auch. Ich finde es toll, einer Frau zu begegnen, die so reist wie ich und beginne genau so das Gespräch. Sie sei gekommen, um abends an den Gebeten in Taizé teilzunehmen, sagt sie. Ja, dafür bin ich auch angereist, sage ich. Ob sie auch am Morgen am Ostergebet teilgenommen habe, frage ich. Nein, sagt sie, das war ihr zu früh. Ich überlege, soll ich ihr erzählen, dass das Morgengebet das absolute Highlight war, ein ergreifendes Erlebnis, mit Musik und Eucharistie, das mich tief berührt hat? Wird sie womöglich ein schlechtes Gewissen bekommen, dass sie dieses Gebet verpasst hat und vielleicht bereuen, doch nicht aufgestanden zu sein? Ich hole Luft und sage schließlich: „Ja, die Abendgebete sind wunderbar.“

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