Ich war am Abend spazieren und lehnte mich kurz gegen einen Pfosten, um die Abendsonne zu genießen. Von hinten sprach mich ein Mann mit schwarzen Haaren und brauner Haut in gebrochenem Deutsch an. Ich verstand, dass er die Uhrzeit wissen wollte und sagte: „19 Uhr 30.“ Ich wollte mich gerade in die andere Richtung bewegen, von ihm weg, als er mir die Hand entgegenstreckte. Ich nahm sie und wollte ihm einen schönen Abend wünschen. Er hielt meine Hand fest wie ein Schraubstock und meinte: „Komm, gehen zusammen!“ Er wollte mich einen Weg entlang dirigieren, der durch das Blätterwerk der Bäume sehr verdunkelt ist. „Nein“, sagte ich entschieden und irritiert!? Ich sah, wie er die Umgebung abcheckte. Es waren Gott sei Dank noch andere Spaziergänger unterwegs. Er ließ mich los und ich ging in die entgegengesetzte Richtung. Ich habe im Nachhinein einen riesen Schreck bekommen, und die Hand tat mir noch länger weh.
Nach einigem Überlegen ging ich am nächsten Tag zur Polizei und meldete den Vorfall. Es tat gut, wenigstens etwas tun zu können. Und ich merkte, dass die Sache Spuren hinterlassen hatte. Ich überlegte, ob ich dort noch einmal spazieren gehen würde oder lieber nicht. Vorher war ich sehr oft dort gewesen. Ich habe mir zuvor noch nie Gedanken gemacht, ob und wann ich an einem Ort spazieren gehen kann.
In den Tagen danach merke ich, dass ich ängstlicher geworden bin. Ein Feuerwerk an Gedanken. Werde ich die Angst wieder verlieren? Werde ich in Zukunft vorbereiteter sein? Solche Situationen passieren meistens überraschend. Ich bin dem Mann ausgewichen, da hat er mir die Hand hingehalten. Werde ich in Zukunft keinem Mann mehr die Hand geben, wenn ich alleine bin? Und wenn ich das in diesem Fall nicht getan hätte, hätte er mich vielleicht am Arm gepackt? Ich fühle mich verletzlicher: Ich hatte gedacht, als Ü60 mit grauen Haaren nicht mehr zu einer gefährdeten Gruppe zu gehören. Falsch gedacht! Und mir ist jetzt auch klar geworden, dass ich der Kraft eines Mannes nichts entgegenzusetzen hätte. Ich sehe diese Kraft zum Beispiel, wenn Gartenhelfer Arbeiten für mich erledigen, aber ich habe sie noch nie gegen mich gerichtet erfahren. Da wäre ich chancenlos, außer natürlich, derjenige ließe sich durch Schreien vertreiben oder es käme jemand zu Hilfe.
Mir wird schließlich klar, dass mir ein Schock in den Knochen sitzt und ich keinen Gedanken mehr daran habe, dort noch einmal spazieren zu gehen. Nach einigem Überlegen entscheide ich mich, in meiner Chat-Gruppe nachzufragen, ob es jemanden gibt, der oder die Erfahrung mit ‚Somatic Experiencing‘ hat, der Methode, Trauma aus dem Körper zu lösen, und der bereit wäre, mich zu unterstützen. Vier Personen melden sich. Mit den ersten beiden mache ich einen Termin aus. Mein Nervensystem kann sich während der ersten Begleitung beruhigen und ich schaue etwas entspannter auf die Situation zurück. Ich hatte von vornherein ein ungutes Gefühl bei der Begegnung, allein schon, weil der Mann mich von hinten angesprochen hat und mir sehr nahe gekommen ist. Ich kann mich also absolut auf mein Bauchgefühl verlassen. Aber warum habe ich ihm die Hand gegeben? Das kann ich noch nicht entschlüsseln. Beim zweiten Termin mit der anderen Person mache ich eine für mich erstaunliche Entdeckung. Es bleibt dabei, ich kann meinem Bauchgefühl vertrauen und es hat mir klar angezeigt, dass die Situation nicht sicher ist. Aber dann kam ein antrainiertes Rollenverhalten ins Spiel: Frauen sind nett, Frauen sind höflich! Und dann noch etwas aus meinem beruflichen Kontext: Ich möchte alle Menschen gleich behandeln, egal welcher Nationalität sie angehören. Während der Begleitung erkenne ich, dass es diese Programmierung war, die mein Bauchgefühl außer Kraft gesetzt hat. Und ich komme zu dem Schluss, dass mein Bauchgefühl Vorrang hat, Vorrang vor Etiquette, ethischen Werten und gesellschaftlich antrainiertem Verhalten.