Zeit für mich

Ich wache auf, mache mir eine Tasse, lege mich wieder ins Bett und lese. Nach einer Weile stehe ich auf und frühstücke. Anschließend radle ich in die Stadt und erledige dieses und jenes. Wieder zu Hause, spüle ich, fange an zu kochen und esse. Nach dem Essen radle ich in den Garten. Ich gieße das Gemüse, schneide die Weintrauben, ernte Johannisbeeren, mulche offene Beete. Ich gönne mir eine Pause, trinke Tee, betrachte den Garten und überlege, wo noch etwas gemacht werden will.
Bis hierhin habe ich funktioniert. Ich hatte keinen Zeitdruck und hatte doch keine wirkliche Pause.
Wann nehme ich mir eigentlich die Zeit, mir anzuschauen, wie es meiner Seele geht?

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Frei-Zeit

Ich frühstücke und will danach in den Garten fahren. Um 13 Uhr habe ich einen Termin. Ich muss im Garten also schauen, dass ich bis 12 Uhr 30 alles fertig habe, was ich machen will und die Zeit im Blick behalten. Ich stutze. Nein, das will ich nicht, merke ich und plane spontan um. Ich fahre zu dem 13-Uhr-Termin, esse zu Mittag und fahre dann in den Garten. Ich habe Ferien, ich kann frei über meine Zeit verfügen.

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Sharing is caring

Ich bin in einer Verschenk- und Tauschgruppe auf Telegram. Dort werden Sachen verschiedenster Art verschenkt oder Anfragen gestellt, wenn jemand etwas zum Ausleihen oder Geschenktbekommen sucht. Ich habe dort nach einem Kirschentkerner gesucht und keinen gefunden. Ich hatte nach leeren Marmeladegläsern gesucht und 8 Stück geschenkt bekommen. Jetzt hatte ich etwas zu verschenken. Ich hatte ein Waffeleisen, das ich kaum benutzte. Warum sollte es bei mir rumstehen und Platz wegnehmen? Ich stellte das Waffeleisen also in der Gruppe ein. Innerhalb kurzer Zeit meldeten sich Interessierte. Ich schrieb die erste Person an und gab ihr meine Adresse. Zur verabredeten Zeit klingelte ein freundlich lächelnder junger Mann. Im Gegenzug zum Waffeleisen überreichte er mir zu meiner Überraschung eine Tafel Schokolade. Ich freute mich sehr über diese kleine Aufmerksamkeit. Und dann erzählte er mir noch, dass seine Freundin schon ganz, ganz lange ein Waffeleisen haben wollte und mich auch angeschrieben habe, aber da sei es schon vergeben gewesen. Der junge Mann freute sich darauf, seine Freundin gleich zu überraschen. Umso mehr freute ich mich, gleich zwei Menschen glücklich gemacht zu haben.

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Die Motorradfahrerin

Ich sitze in einem Café draußen auf der Terasse. Ein Motorrad kommt, der Fahrer parkt und steigt ab. Als die Person den Helm abzieht, kommen ihre langen Haare zum Vorschein. Es ist eine Motorradfahrerin. Sie geht ins Café, kommt mit ihrer Bestellung wieder heraus und setzt sich an den Nebentisch. Ich habe große Lust, mit ihr zu plaudern und spreche sie an. Sie schaut etwas kritisch zurück. Ich erzähle ihr, dass ich vor über 40 Jahren den Motorradführerschein gemacht habe und ein Jahr lang eine kleine 125er Suzuki gefahren habe. Jetzt mit über 60 spiele ich mit der Idee, in einer Fahrschule eine Stunde auf dem Übungsplatz mit einem Motorrad zu nehmen, um noch einmal die Erfahrung zu machen, wie das ist. „Ich will dich nicht vollquatschen“, sage ich nach einigen weiteren Sätzen. Sie entspannt sich sichtlich. „Nein, nein“, sagt sie. Ich füge hinzu: „Es ist selten, eine Motorradfahrerin zu sehen.“ Und dann frage ich sie noch, ob sie in einem Motoradclub sei. Sichtlich erfreut, dass ich nachfrage, erzählt sie davon und als sie merkt, dass ich interessiert bin und mich nicht kritisch äußere, entsteht ein wirklich netter und offener Austausch. Nach einer Weile breche ich auf. Freundlich lächelnd verabschieden wir uns und als ich davonradle, ruft sie mir noch ein Tschüss hinterher.

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Inneres Team

Ein Teil von mir ist ein Baby, das schreit, weil es viel zu lange in nassen Windeln liegen muss.
Ein anderer Teil ist eine Jugendliche, die wütend und frustriert ist, weil es für sie und ihr Erleben in ihrem Elternhaus überhaupt keinen Platz gibt. Wut ist nicht erlaubt. Traurigkeit nicht und auch keine Enttäuschung. Es ist nicht viel erlaubt. Krank sein ist erlaubt, dagegen ist schlecht zu argumentieren. Aber bitte nicht jammern.
Ich habe auch eine kompetente Erwachsene in mir, die den Unterricht durchdenkt, vorbereitet und ausführt. Dieser Teil kümmert sich auch zuverlässig um Alltagsdinge wie Formulare ausfüllen, Rechnungen überweisen, den Kühlschrank auffüllen und kaputte oder defekte Dinge reparieren lassen.
Und ich habe einen sehr kreativen Anteil, der sich im Garten zeigt, bei der Herstellung von Lernkärtchen für den Unterricht und der die Geschichten schreibt. Nicht zu vergessen die Freiheitsliebende und die Rebellin.
Und dann ist da noch die Beobachterin, die schaut, welcher Teil sich gerade in den Vordergrund schiebt.

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Treets

Mein Vater liebte es, hinter der Grenze in Frankreich einzukaufen. Forbach (Moselle), die nächste Stadt, war nur etwa 20 km entfernt. Wir kauften in einem Supermarkt ein und dann ging mein Vater im Zentrum immer in denselben Tabakladen, um dort seine Zigarren Voltigeur zu kaufen. Dort bettelte ich ihn sehr oft an, mir eine Tüte Treets zu kaufen. Ich liebte die kleinen Schokokugeln in der gelben Tüte. Erst lutschte ich die Schokolade und ließ sie auf der Zunge zergehen und dann zerkaute ich die Erdnuss im Kern. Was für meinen Vater Voltigeur war, war für mich Treets.
Ich besuchte den französischen Zweig des Deutsch-Französischen Gymnasiums in Saarbrücken. Englisch war nach Deutsch nur meine 2. Fremdsprache. Erst Jahrzehnte später erkannte ich, dass der Name ‚Treets‘ eine Bedeutung hatte und von treat abgeleitet war, was nämlich ‚Belohnung‘ oder ‚Leckerei‘ heißt. Ich war überrascht, den Namen so verinnerlicht zu haben, ohne je über seine Bedeutung nachzudenken.

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Selber machen

Als ich in New Delhi lebte, lernte ich, wie man Joghurt selber macht. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob es überhaupt welchen zu kaufen gab. Mit dem Rest des letztes Joghurts habe ich den nächsten Joghurt angesetzt. Weil es so heiß ist in New Delhi, war er innerhalb von einer Stunde fertig. Ich hatte immer frischen Joghurt im Kühlschrank. Zurück in Deutschland, kaufte ich wieder welchen und vergaß völlig, dass man ihn selber herstellen kann. Irgendwie prägte sich mir ein, dass man dafür einen Apparat braucht. Vor zwei Tagen packte es mich und ich schaute mir einige Videos auf YouTube an. Es sah ganz einfach aus, auch ohne Joghurtmacher. Ich setzte also meinen ersten selbstgemachten Joghurt in Deutschland an. Nach ca. 24 Stunden hielt ich stolz und zufrieden das Glas mit dem fertigen Joghurt in der Hand.

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Geklappt

Der Akku von meinen E-Bike funktioniert nicht. Ich finde bei nebenan.de eine Annonce von einem Elektriker, der sich Akkus anschaut. Ich nehme Kontakt mit ihm auf. Er nennt mir einen Tag und meint, an dem solle ich mich melden. Ich vergesse es an dem Tag. Dann kommt die Hitzewelle und ich lasse jede nicht notwendige Aktivität ruhen. Nach etwa einer Woche nehme ich wieder Kontakt auf. Es kommt keine Antwort. Einige Tage später schreibt er mir, er sei auf einer Fortbildung gewesen und jetzt wieder erreichbar. Dann bin ich über das Wochenende weg. Wieder einige Tage später schreibe ich ihn erneut an und wir finden diesmal tatsächlich einen Tag und einen Zeitpunkt, der für uns beide passt. Als ich ankomme, entschuldigt er sich fast, dass es so lange gedauert hat, einen Termin zu finden. Ja, ein Teil von mir ist echt genervt, dass es solange hin und her ging. Aber dann sage ich: „Ich freue mich, dass es endlich geklappt hat.“

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Das Nest III

Ich bin im Garten. Es ist Abend. Ich habe alle Pflanzen gegossen und sitze nun vor dem Gartenhäuschen, lese und genieße die Ruhe. Plötzlich wird es lebendig. Einige Vögelchen kommen geflogen und hüpfen durch die Büsche um mich herum. Eines lässt sich auf der Tür des Häuschens nieder. Ob es die Vögelchen aus dem Nest sind? Sie sind genauso klein und sehen ihnen von dem, was ich erkennen kann, sehr ähnlich. Ob sie auf Besuch gekommen sind? Ob sie hier in meinem Garten oder in der näheren Umgebung ihr Revier gefunden haben? Ich freue mich so, sie wiederzusehen … und schon sind sie weitergeflogen.

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Verliebt

Ich bin verliebt. Meine Gefühle spielen verrückt. Dass die Person verheiratet ist und sogar schon Enkel hat, interessiert meine Gefühle nicht. Ich verhalte mich sehr zurückhaltend, weiß ich doch, dass diese Liebe nicht in gleicher Weise erwidert wird und auch keine Zukunft hat. Ich freue mich, wenn ich der Person begegne und gleichzeitig versuche ich meine Gefühle an die Leine zu legen und sie nicht wie wilde Pferde laufen zu lassen. Ich erlaube mir keine Tagträume und hoffe, dass die Schwärmerei auf diese Weise bald endet. Es dauert aber eine ganze Weile, bis das passiert. Und erst dann beginne ich zu erkennen, dass wir in Wirklichkeit in sehr unterschiedlichen Welten leben. Dieser Mensch hat einen ganz anderen Blick auf die Welt, einen, der mir fremd ist. Und mein Blick auf die Welt ist diesem Menschen vermutlich auch völlig fremd. Was sollte unser gemeinsamer Nenner sein? Es ist schon verrückt, dass das Verliebtsein einen so völlig blind werden lässt.

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