Christine Wanjura

Mich zeigen

Roman liest regelmäßig meinen Blog und bewundert meinen Mut, mich zu zeigen. Rita ist auch sehr berührt davon. Beide Rückmeldungen überraschen mich. Das bin doch einfach nur ich, ich habe nichts zu verbergen, denke ich. Später frage ich mich: Was zeigen denn andere von sich? Und was zeige ich, was die anderen für mutig halten? Wo ist da eigentlich die Grenze? Wo bedeutet es für mich selbst Mut, etwas zu zeigen und wo nicht? Und zeige ich mich wirklich? Sicherlich gibt es auch Seiten, die ich nicht gerne zeige. Wie unterschiedlich aber die Grenzen sein können, was uns angenehm ist zu zeigen und was nicht, das überrascht mich.

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Achtsamkeit

Alle Teilnehmenden im Seminar sind mit ihrem Thema beschäftigt. Ich bemerke ein zerknülltes Arbeitsblatt, das auf dem Boden neben einer Teilnehmerin liegt. Wie schade, denke ich, ich habe mir solche Mühe gemacht, dieses Arbeitsblatt zu schreiben und nun liegt es zerknüllt am Boden. Ich erinnere mich an eine Situation vor vielen Jahren in Neuseeland. Eine Deutsche, die in Wellington lebte, besuchte mich. Wir gingen in einem Supermarkt zusammen einkaufen. Irgendwann rief sie mir lautstark etwas über die Gänge hinweg zu, so dass sich andere nach uns umdrehten. Es war mir so unangenehm, dass alle mitbekamen, dass wir Deutsche sind. Ich hätte mir Achtsamkeit gewünscht, ein Sprechen in normaler Lautstärke, kein lautes Rufen. In diesem Moment im Seminarraum wird mir bewusst, in welcher Vielfalt von Situationen mir Achtsamkeit wichtig ist, gegenüber Sachen, gegenüber Menschen und Tieren und der Umwelt.

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Der Tod

Ich kann nicht einschlafen und wandle gegen Mitternacht noch einmal in die Küche. Ich schaue aus dem Fenster, nirgendwo brennt Licht. Alle scheinen zu schlafen. Mitten auf dem Parkplatz unserer halbrunden Wohnanlage steht ein VW-Transporter mit geöffneter Heckklappe. Zieht zu so später Stunde noch jemand ein oder aus? Das ist unwahrscheinlich. Und wieso nur steht dieser Transporter mit geöffneter Heckklappe da? Die hinteren Fenster sind verdeckt, sind das Gardinen? So etwas haben doch Leichenwagen, oder? Auf dem Wagen ist keine Aufschrift, die das erkennen ließe. Ich bleibe stehen und schaue weiter in die Nacht. Nach einer Weile sehe ich durch den Eingang des Mittelflügels Schatten im Flur, die sich zwischen Aufzug und Tür hin und her bewegen. Sie drehen und bücken sich. Was tun sie dort nur? So viel Aktivität um Mitternacht, wundere ich mich. Schließlich öffnet sich die Tür und drei Männer schieben einen Sack – einen Leichensack! auf einem Rollwagen zum VW-Transporter. Sie schieben die Leiche hinein, schließen die Heckklappe und fahren los. Also war es wirklich ein Leichenwagen, denke ich. Aber warum wird ein Toter um Mitternacht abtransportiert? Damit im Haus alle schlafen und es niemand mitbekommt? Muss der Tod so geheimgehalten werden, darf niemand mit ihm konfrontiert werden? Er gehört doch zum Leben dazu.

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Freie Christengemeinde

Ich bin schon öfter an dem Schild “Freie Christengemeinde – Gottesdienst Sonntag, 10.30 Uhr” vorbeigekommen und dachte, da gehe ich mal hin. An diesem Sonntag setze ich meinen Vorsatz in die Tat um und besuche den Gottesdienst. Ich werde am Eingang freundlich begrüßt und willkommen geheißen. Das ist schon mal anders im Vergleich zu der Kirche, in die ich sonst gehe. Die ankommenden Besucher begrüßen sich, es scheinen sich alle zu kennen. Vorne stehen ein Schlagzeug, ein E-Piano und eine Gitarre. Der Gottesdienst beginnt. Nach einer kurzen Begrüßung wird gesungen, alles Lieder, die ich nicht kenne, es gibt kein Gesangbuch, die Texte werden auf die Wand vorne projiziert. Die Teilnehmenden stehen auf, klatschen und bewegen sich zur Musik. Es gibt keine Lesung, weder aus dem Alten noch aus dem Neuen Testament. Es folgt eine ausgedehnte und langatmige Predigt, bei der ich irgendwann den Faden verliere. Nach weiteren Liedern endet der Gottesdienst.
Ich muss an Brot denken. Ich liebe und bevorzuge mein Lodève-Brot, aber deswegen lehne ich Schwarzbrot oder Fladenbrot nicht ab, ich esse es nur seltener. So geht es mir auch mit dem Gottesdienst: Ich fühle mich in meiner Kirche beheimatet, aber deswegen lehne ich andere nicht ab.

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Zufall?

Es ist Samstag, Sonne und Regen wechseln sich ab. Es ist ein ruhiger Tag, ich habe keine Termine und keine Verabredung. Das Wetter lädt nicht zur Gartenarbeit ein. Es ist eigentlich das passende Wetter, um etwas am Schreibtisch oder am PC zu arbeiten. Ich koche und höre im Radio eine Sendung zum Thema Zufall. Der Autor berichtet von der Qualität der Zufälle und was sie für uns bereithalten können. Ich mache mir einen Tee. Dunkle Wolken ziehen auf und ein Gewitter bricht los. Ein heftiger Regen peitscht herunter. Das Telefon klingelt. Marion ist dran. Sie will unseren vereinbarten Arbeitstermin am nächsten Morgen absagen. Gut, warum arbeiten wir nicht jetzt, schlage ich vor. Sie willigt ein und so finden wir uns zwanzig Minuten später telefonisch zusammen ein. Die Besprechung läuft sehr geschmeidig. Wir sind beide sehr zufrieden. Und ich freue mich, dass ich jetzt auch noch am Sonntagmorgen in den Gottesdienst der freien Christengemeinde gehen kann. Besser hätte es nicht zusammentreffen können. So ein Zufall?

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Die Turteltauben

Von meinem Sofa aus sehe ich einen hohen Baum vor meinem Fenster, auf dem zwei Turteltauben leben. Immer wieder sehe ich sie einträchtig nebeneinander sitzen. Mal putzt die eine ihr Gefieder, mal die andere. Mal fliegt eine weg und die zweite hinterher, mal bleibt die andere auf dem Ast sitzen. Kommt die erste zurück, reiben sie ihre Schnäbel aneinander, bis sie wieder einträchtig nebeneinander sitzen. Ich habe sie auch schon streiten sehen … oder haben sie gebalzt? Manches Mal sitzen sie getrennt auf gegenüberliegenden Ästen, später dann wieder nebeneinander auf dem Ast. So würde ich gern eine Beziehung führen: Sich aneinander freuen und sich gegenseitig sein lassen können.

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Mein Lieblingsbrot

Ein französischer Bäcker bietet auf dem Wochenmarkt in St. Ingbert sein Brot an. Irgendwann habe ich dort mal ein Baguette gekauft. Es schmeckte mir ausgesprochen gut. Mit der Zeit wurde es zu meiner Gewohnheit, auf dem Markt einzukaufen und Brot von dem französischen Bäcker Brot mitzunehmen. Ich probierte auch andere Sorten aus, die sie dort im Angebot hatten und entdeckte das ‘Lodève’. Das wurde mein absolutes Lieblingsbrot. Leider war es schnell ausverkauft. So kaufte ich, wenn es noch da war, gleich mehrere und fror sie ein. An einem der Samstage hatte der Bäcker tatsächlich vergessen, diese Brotsorte zu backen und ich musste auf eine andere Sorte ausweichen. An manchen Samstagen, an denen ich ein Seminar hatte, fuhr ich sogar vor dem Seminar auf den Markt.
Jetzt war meine Reserve aus der Tiefkühltruhe aufgebraucht. Um sicherzugehen, dass ich mein Lodève-Brot bekam, stellte ich an dem Samstag den Wecker, um möglichst früh auf den Markt zu kommen. Ich war also vor neun dort, voller Vorfreude auf ein getoastetes Frühstücksbrot mit selbstgemachter Marmelade später zu Hause. Ich ging sogar noch zur Bank, um ausreichend Geld für 4 oder 5 Lodève-Brote zu haben. Voller Elan und Zuversicht näherte ich mich dem Brotwagen … Und der Brotwagen war nicht da. Ferien? Waren in Frankreich etwa Ferien? Denn in den französischen Schulferien machte auch der Brotwagen Pause, das hatte mal an einem Schild am Wagen gelesen. Aber die Ferien in Frankreich hatte ich nun wirklich nicht im Blick. Oder sollte ich mich vielleicht auf Dauer von meinem Lieblingsbrot verabschieden? Der Aufwand war doch recht hoch.

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Der Same

Es ist Frühjahr. Aus dem Garten nehme ich Blumentöpfe und Erde mit. Zu Hause befülle ich die Töpfe mit der Erde und stelle sie auf die Fensterbank. Dann geht es zur Auswahl der Samen. Wie viel von welchem Gemüse will ich dieses Jahr im Garten anpflanzen? Vorsichtig verteile ich Zucchini, Kürbis, Rote Bete, Mangold, Mais und Gurkensamen auf die Töpfe. Jetzt kommen die Tomaten an die Reihe. Ich habe von den Tomaten, die ich letztes Jahr geerntet habe, Samen getrocknet. Es sind verschiedene, alle sortenrein, und ich kann sie Jahr für Jahr wieder aussäen. Voller Andacht trenne ich die winzigen Samen von dem Krepppapier, auf dem sie beim Trocknen kleben geblieben sind. Kaum einen Millimeter groß ist eine Sorte. Aus diesem so unscheinbaren winzigen Etwas wird den Sommer über eine prächtige Tomatenpflanze heranwachsen, die dann 6 bis 8 faustgroße dunkelrote köstliche Tomaten trägt.

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Türkei 4

Morgenroutine
Zwischen 8 und 10 Uhr strömen regelmäßig Gäste zum Frühstück ins Restaurant und dann wieder zurück in ihre Zimmer. Es wird geraschelt, geräumt, überlegt und besprochen, wie und wo man den Tag verbringen will. Dann wird gepackt: Badesachen, Badetuch, Wasserflaschen, Snacks für die Kinder. Die Putzfrauen gehen durch die Zimmer, junge Männer tragen Kartons und Säcke mit irgendetwas durch den Hof. Wäsche wird gebracht und abgeholt. Gegen 12 Uhr herrscht Ruhe. Die Gäste sind am Pool, am Strand, auf einem Ausflug oder sonst irgendwo unterwegs, die Zimmer sind gemacht. Ruhe. Man hört die Vögel, die Tauben gurren und ab und zu ruft der Pfau. Knapp eine Stunde später laufen die ersten Gäste wieder Richtung Restaurant für einen Mittagsimbiss.

Familiendrama
Der Vater liegt auf einer Liege am Strand in sein Handy vertieft. Seine Kinder, ein kleiner Junge und ein Mädchen, spielen am Wasser. Der Junge trägt nur eine Badehose, das Mädchen Jeansshorts und ein T-Shirt. Die beiden gehen immer tiefer hinein, bis das Wasser an die Shorts des Mädchens reicht. Sie erschrickt und geht zurück ins Flache. Der Vater ist weiterhin ganz in sein Handy vertieft. Kurz darauf sehe ich sie wieder im Wasser, diesmal geht das Mädchen noch tiefer hinein, bückt sich, taucht kurz unter und hebt etwas vom Meeresboden hoch. Jetzt sind ihre Kleider ganz nass. Als sie wieder raus ist und es dem Vater zeigt, sagt er: “Na, warte nur, bis Mama kommt.” Die Kinder spielen weiter. Der Junge ist schon ganz rot. Ob er wohl eingecremt ist, frage ich mich. Nach einer ganzen Weile kommt die Mutter. Ungläubig schaut sie die nassen Kleider des Mädchens an und die geröteten Schultern des Jungen. Dann wendet sie sich an ihren Mann und ein Streit bricht los. Die Mutter zieht mit den beiden Kindern ab. Der Vater vertieft sich wieder in sein Handy.

Sternehotel
An dem Hotel, an dem ich gerade langsam vorbeiradle, sehe ich saftig grüne Rasenflächen, die mit Wasser gesprengt werden. Kellner in weißen Uniformen bedienen beflissen die Gäste. Die Atmosphäre im Garten wirkt elegant-gediegen. Hier laufen sicher keine Katzen frei herum. Ich genieße es, in einem Einsternehotel zu sein. Alles ist lockerer, Kinder toben herum und werden auch nicht darin gehindert; Katzen sonnen sich und lassen sich streicheln. Das Personal trägt nur ein T-Shirt mit dem Hotelnamen, Angestellte, die etwas transportieren oder in Stand setzen, tragen Arbeitskleidung. Ich habe den Eindruck, dass mein Hotel vielleicht etwas mehr den türkischen Alltag widerspiegelt als das geleckte Sternehotel, das ich gerade hinter mir lasse. Und von denen ich bei der Hotelsuche im Internet ziemlich viele gesehen habe.

Paare
Im Hotel sind viele Paare, ältere und jüngere und Familien mit Kindern. Ich mache Urlaub alleine. Ich grüße die, denen ich begegne. Ins Gespräch komme ich nur ganz sporadisch, meist mit anderen Katzenliebhabern. Mehr Gespräch ergibt sich nicht. Haben die Paare genug aneinander? Oder fürchten sie, dass ich mich an sie dranhänge? Oder bemerken sie mich nicht? Oder denken sie, dass ich meine Ruhe haben will und alleine bleiben möchte?

Bässe
Es ist 10 Uhr morgens. Das Meer ist ganz ruhig, am Himmel wenige Schleierwolken. Ich laufe die Promenade entlang. Von irgendwoher wummern laute Bässe. Ich suche mit den Augen die Richtung ab, aus der das kommt. Ich mache einen kleinen Punkt auf dem Meer aus. Der Punkt nähert sich. Es ist ein Speedboot, das für Ausflüge gebucht werden kann. Aus der Ferne beschallt es mit seinen Bässen die ganze Bucht.

Fliegen
Ich bin wieder zu Hause und blicke zurück. Auf der Hinreise musste ich zwei Stunden vor Abflug am Flughafen sein. Eine Bekannte brachte mich noch eine Stunde früher hin, weil sie später keine Zeit mehr hatte. Einchecken, Passkontrolle, Warten, 3.20 Uhr Flug, Warten auf das Gepäck, Warten auf weitere Gäste für den Transfer, 1 Uhr Fahrt zum Hotel. Auf dem Hinflug war ich 12 Stunden unterwegs von der Haustür bis zum Hotel. Auf dem Rückflug waren es etwa 10 Stunden. Für den bin ich in der Türkei um 2.30 Uhr aufgestanden, der Transferbus hat mich um 3 Uhr abgeholt, um 7.35 Uhr ging der Flug. Zu Hause angekommen, packe ich aus und lege mich hin. Ich bin durch das frühe Aufstehen völlig übermüdet. Am Nachmittag wasche ich Wäsche, hole meine Katze aus der Katzenpension ab und schaue mir in Internet nochmal die Flugroute an. Um 19 Uhr bin ich völlig durchgenudelt, friere und gehe ins Bett. Ich bin bei 25° abgeflogen und bei 11° und Regen gelandet. Ich wache am nächsten Morgen gegen 6 Uhr auf. Und beginne mich zu fragen: War der Urlaub die ganze Reise, den Zeitaufwand und die Umstellung auf dem Rückflug wert?

Nachtrag
Ich habe viel Neues gesehen und erlebt in einer Woche Türkei. Ich hatte Sonne pur, ich habe die Römischen Ruinen von Side gesehen, ich habe im Meer gebadet, ich habe in einem Orangenhain köstliche Gerichte gegessen und ich habe nichts von dem gefunden, was ich eigentlich brauchte. Wieder ganz tief in Kontakt mit mir zu kommen, ohne Ablenkung, ohne mich mit dem Außen auseinandersetzen zu müssen, den ganzen Raum für mein inneres Erleben zu haben. Ich habe viel gesehen und erlebt und ein neues Land kennengelernt, aber das, was ich wirklich brauchte, habe ich nicht gefunden. Bei der Buchung hat plötzlich die Neugier überwogen und die Reise, bei der ich mich um nichts weiter kümmern musste, war nur einen Klick entfernt. Ich habe nicht ausreichend beachtet, wie viel Ruhe und Natur ich brauche und dass ich das bei Pauschalreisen vielleicht nicht bekomme.

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Türkei 3

Spaß im Urlaub
Von einem Ehepaar auf der Promenade höre ich im Vorbeigehen, wie er in gereiztem Tonfall sagt: “Warum kann man sich nicht einfach mal irgendwohin setzen und was trinken?” Sie antwortet, genervt: “Ja, dann sag doch, was du willst.” Ob ein gemeinsamer Urlaub so Spaß macht, frage ich mich.

Gs, gs, gs
Als ich in Saarbrücken am Flughafen ankomme, wartet schon ein älterer Türke aufs Einchecken. Ich bin ganz überrascht, ihn am nächsten Tag im meinem Hotel in der Türkei zu sehen, in Arbeitskleidung. Ich spreche ihn an: “Sie machen hier keinen Urlaub, oder?“ Er gibt mir zu verstehen, dass er kein Deutsch versteht. Ab da verfolgt er mich mit seinen Blicken, wenn ich zu den Mahlzeiten gehe. Nach der Mahlzeit stellt er sich in mein Blickfeld, um eine zu rauchen. Auffallend oft hält er sich vor meinem Balkon auf. Als ich ihm irgendwann begegne, versucht er mich mit “Gs, gs, gs!” auf sich aufmerksam zu machen. Ich bin 61. Hört das denn nie auf mit der Anmache?

Begegnung
Ich laufe durch Manavgat. Ein einheimischer Mann und eine ältere Frau kommen mir entgegen. Ich sehe sie, mehr nicht. Wir gehen aneinander vorbei. Dann höre ich hinter mir: “Hallo, hallo!” Ich drehe mich um, der Mann kommt auf mich zu und sagt auf Deutsch: “Wir kennen uns. Ich war letztes Jahr im Sommer mit meiner Frau und meinem Sohn auf Ihrer Familienfreizeit im Odenwald.” Jetzt fällt bei mir der Groschen. “Manavgat ist meine Heimatstadt und ich besuche gerade meine Mutter.” Ja klar, ich erinnere mich an die Familie und freue mich über die Begegnung. Wir plaudern noch ein wenig. Wie klein die Welt doch ist!

Türkische Riviera
Ich bin in der Rezeption in meinem Hotel in Side. Der junge Reiseleiter kommt und begrüßt mich freundlich. Wir plaudern und im Laufe des Gesprächs erzählt er mir, dass Side in deutscher Hand sei und Alanya in russischer Hand. Ich stutze. Und frage mich: Und welche Küstenorte gehören den Türken?

Anspruch
Auch wenn ich für diese Reise bezahlt habe, sehe ich daraus keinen besonderen Anspruch für meinen Aufenthalt hier erwachsen. Ich freue mich über das Wetter, die Freundlichkeit der Menschen und die wunderbaren Vorspeisen und vielfältigen Gerichte. Auch wenn ich mit meiner Halbtagstätigkeit mehr verdiene als jede Vollzeitarbeitskraft im Hotel und aus einem vergleichsweise reichen Land komme, leiten sich für mich daraus keine besonderen “touristischen Rechte” ab. Ich bin hier Gast, genieße das, was mir geboten wird und bin dankbar dafür.

Evelyn
Ich lerne Evelyn kennen, eine Deutsche, die seit 20 Jahren in der Türkei lebt und fließend Türkisch spricht. Sie zeigt mir Geschäfte, an denen Touristen wohl eher vorbeigehen und übersetzt bei meinem Einkauf. Sie fährt mit mir zu einem Restaurant in einem Orangenhain außerhalb der Touristenpfade, wo wir einen herrlichen Nachmittag verbringen. Ich schätze ihre Erfahrungen und ihren Blick, der den meinen öffnet und erweitert. Ich lerne durch sie etwas von der Türkei kennen, wie eine Einheimische sie sieht.

Vorteile? Nachteile?
Ich verbrauche Wasser und Lebensmittel. Ich hinterlasse meinen Müll und Schmutzwasser. Beides zusätzlich zu dem, was die einheimische Bevölkerung verbraucht und hinterlässt. Bringe ich mehr Vorteile ins Land, durch das Geld, oder doch mehr Nachteile? Oder gleicht sich das aus?

Russland
Er erzählt mir, dass er eine Russin geheiratet und auch eine Zeit lang in Russland gelebt habe. In einigen Wochen werde er mit ihr dorthin zurückgehen. Das Leben in der Türkei sei sehr schwer, sagt er, die steigende Inflation und die Politik Erdogans. Nein, es mache keinen Spaß mehr, in der Türkei zu leben. Und Putin, frage ich nach? – Putin? Der sei nicht so schlimm wie Erdogan, antwortet er. Ich wundere mich. Warum glauben wir so oft, woanders sei es besser als da, wo wir sind?

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