Gartentherapie

Wenn ich nach einem anstrengenden Tag ausgelaugt aus der Schule komme, fahre ich in den Garten. Die Stille und Unaufgeregtheit der Pflanzen erdet mich wieder.
Wenn ich an einem freien Tag rastlos bin und keine Ruhe finde, fahre ich in den Garten. Die Arbeit dort gibt mir wieder inneren Halt und Stabilität.
Wenn ich an einem Tag trübe und graue Gedanken habe, fahre ich in den Garten. Die Farbenpracht und Vielfalt der Blumen und das Zwitschern der Vögel heben meine Stimmung.
Wenn ich müde bin und keine Energie habe, fahre ich in den Garten. Dort lasse ich mich vom Wind streicheln, lasse mich von der Sonne liebkosen und vom Duft des Flieders umschmeicheln.
Und wenn ich ausgeglichen und gutgelaunt bin und in den Garten fahre, dann erfreue ich mich an der Schönheit und Fülle um mich herum.

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Das Nest

In meinem Garten habe ich einen kleinen Geräteschuppen. Die Tür hat sich verzogen und schließt nicht mehr ganz, so dass oben ein vielleicht 20 Zentimeter breiter Spalt offen bleibt. Vor zwei Jahren hatten Wespen sich ein Nest im Häuschen gebaut. Wir haben die Zeit in friedlicher Koexistenz verbracht. Ich habe sie nicht gestört und sie haben mich nicht gestochen. Letztes Jahr sind sie nicht wiedergekommen. Sie nutzen ein Nest nur ein Jahr lang, habe ich nachgelesen. Und doch hat sich irgendetwas an dem Nest verändert. Sind sie wiederkommen? Ein paar Tage später schaue ich genauer hin und kann ein Nest im Rohbau erkennen. Ich kann mir noch keinen Reim darauf machen. Als ich, wieder einige Tage später, die Tür aufmache, kommt mir ein ganz kleiner Vogel entgegengeflogen, der sich sicherlich erschreckt hat, genau wie ich selbst. Wird meine Anwesenheit das Vögelchen jetzt vertreiben? Um ihm Ruhe und Sicherheit beim Brüten zu geben, dürfte ich das Gartenhäuschen einige Wochen lang gar nicht betreten. Das Wetter ist schön und ich bin jetzt öfter im Garten. So ziemlich alles, was ich brauche, ist dort im Häuschen. Was mache ich nun?

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Eine Stunde

Ich stehe auf, gehe ins Bad, mache mir in der Küche einen Tee, lege mich wieder hin, trinke Tee, lese, streichle meine Katze, die neben mir auf dem Bett liegt. Und eine Stunde ist um.

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Da ist der Wurm drin

Ich fahre auf den Markt zu meinem französischen Lieblingsbäcker. Über ein halbes Jahr bin ich nicht mehr dort gewesen. Ich freue mich sehr auf das ganz besonders köstliche Baguette. Als ich auf dem Markt ankomme, ist alles wie sonst. Nur das Bäckerauto fehlt. Ich frage an einem Stand nach, ob die Verkäuferin wüsste, warum das Bäckerauto nicht da sei. Es gäbe wohl Probleme mit dem Auto, bekomme ich zur Antwort. Wie schade! Genau heute, wo ich nach so langer Zeit wieder hergekommen bin. Ich sammle 1-, 2-, 5-, 10- und 20-Cent-Münzen in zwei Dosen. Wenn die voll sind, bringe ich sie zu einem Zählautomaten in einem Supermarkt. Das mache ich heute. Der Automat zählt die Münzen, dann wirft er alle 20-Cent-Münzen wieder aus. Ich werfe sie erneut ein, sie kommen unten wieder raus. Der Automat will sie einfach nicht nehmen! So ein Ärger. Jetzt muss ich fast eine ganze Dose Münzen wieder mit nach Hause nehmen.
Gegen Abend gehe ich noch in einen Supermarkt bei mir in der Nähe. Ich kaufe eine Spitzpaprika, Champignons und Joghurt. Zu Hause packe ich aus. Wo ist denn die Spitzpaprika geblieben? Habe ich die grade schon in den Kühlschrank geräumt? Ich schaue nach. Nein, habe ich nicht. Habe ich die etwa im Laden liegengelassen? Ich laufe zurück zum Supermarkt. Und tatsächlich, an der Kasse, an der ich gezahlt hatte, sehe ich sie liegen. Ich spreche die Kassiererin an. Ja, sagt sie, eine Kundin hätte die nach dem Bezahlen auf dem Boden gefunden und ihr gegeben. War sie mir aus dem Einkaufsbeutel gefallen? Auf dem Heimweg sehe ich, dass die Paprika angedätscht ist. Da war wohl schon der ein oder andere Einkaufswagen dagegengerollt. Heute ist einfach der Wurm drin.

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Warum

Ich habe dem Schuhmacher Schuhe zur Reparatur gegeben. Fertige Schuhe liegen immer mit den jeweiligen Abholnummern versehen in einem offenen Regal. Ich betrete den Laden und höre Stimmen aus der Werkstatt hinter dem Verkaufsraum. Die Zeit, bis jemand nach vorne kommt, nutze ich, um das Regal zu durchstöbern und nach meinen Schuhen zu suchen. Ich finde sie tatsächlich und lege sie auf die Theke. Als die Verkäuferin hereinkommt und sieht, dass ich die Schuhe selbst aus dem Regal genommen habe, wird sie ungehalten: „Da steht doch ‚Keine Selbstbedienung‘! Können Sie nicht lesen?“, fährt sie mich an. Ich bin überrascht. Warum reagiert sie so heftig? Ich sage: „Ich wollte Ihnen etwas Arbeit abnehmen. Wo ist das Problem?“ – „Es ist eben keine Selbstbedienung“, wiederholt sie nur.
In der Apotheke hole ich Tabletten ab, die ich bestellt und schon bezahlt habe. Ich will sie an der Theke entgegennehmen. Die Verkäuferin packt die Tabletten in eine Tüte. „Danke“, sage ich, „ich brauche keine Tüte.“ – „Das müssen wir so machen,“ entgegnet die Verkäuferin. „Warum das denn“, frage ich. „Das sind unsere Regeln“, sagt sie. Angenervt und verständnislos beende ich meine Erledigungen.

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Schulsystem

Die Schüler*innen sind genervt. Sie sollen alle Arbeitsmaterialien dabei haben und sie pfleglich behandeln, sie sollen 45 oder gar 90 Minuten stillsitzen, sie sollen ruhig sein und konzentriert zuhören, sie sollen aktiv mitarbeiten und alle Arbeitsaufträge ordentlich und gut leserlich ausführen, selbst wenn das Thema sie nicht interessiert oder völlig an ihrer Realität vorbeigeht.
Die Eltern sind genervt. Ihre Kinder haben ‚keinen Bock auf Schule‘ und bringen schlechte Noten mit nach Hause. Die müssen immer wieder zu Elterngesprächen in die Schule kommen und sich anhören, was schiefläuft, dass sie ihre Kinder zum Lernen anhalten sollen, sie fördern sollen und dass sie den Social-Media-Konsum der Kinder einschränken sollen.
Die Lehrer*innen sind genervt. Sie sollen einen Lehrplan erfüllen, der die Schüler nicht interessiert oder völlig an ihrer Realität vorbeigeht. Sie sollen Daten erfassen, Gelder einsammeln, Listen führen, die Schüler motivieren, für Ruhe in der Klasse sorgen und auf die Nöte und Sorgen der einzelnen eingehen sowie bei sämtlichen Problemen untereinander vermitteln. Sie sollen im Dialog mit teils schwer erreichbaren, unkooperativen oder hilflosen Eltern sein, deren Perspektive einbeziehen und sich auch um deren Belange kümmern. Sie sollen über die Schulleitung immer wieder neue Anweisungen des Ministeriums umsetzen.
Schüler, Eltern, Lehrer, alle sind sie genervt und von der Situation schlichtweg überfordert.

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Beobachtung und Bewertung

Ich sitze mit der Schulsozialarbeiterin zusammen. Da sie lange krankgeschrieben war, ist sie nicht informiert, dass neue Schüler*innen ohne Deutschkenntnisse in meinen Unterricht gekommen sind. Ich erzähle von Jarrick, einem Jungen aus der Ukraine und Ahmad, einem Jungen aus Syrien. Der ukrainische Junge ist vor 8 oder 9 Wochen gekommen und der syrische Junge vor etwa 3 Wochen. „Jarrick ist wie ein Rennpferd“, sage ich. „Und Ahmad dagegen wie ein Ackergaul.“
Später am Abend überlege ich, was genau ich beobachtet habe, dass ich zu diesen Urteilen gekommen bin. Jarrick hat eine schnelle Auffassungsgabe. Und das Gelernte kann er gleich umsetzen. Ich brauche nicht viel zu erklären und er erfasst die Übungen, die ich ihm gebe. Er macht alle Aufgaben und dabei erstaunlich wenige Fehler. Ahmad hat Mühe, beim Schreiben in seinem Heft auf den Linien zu bleiben. Wenn er etwas von der Tafel abschreibt, finden sich darin 3 oder 4 Fehler. Auch jetzt noch konjugiert er: „ich wohnen, du wohnen, er/sie/es wohnen“. Diese Beobachtungen haben mich dazu verleitet, den einen mit einem Rennpferd und den anderen mit einem Ackergaul zu vergleichen. Ich nehme mir vor, genauer darauf zu achten, dass ich möglichst nur beobachte und nicht bewerte.

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Die Praktikantin

Ein fremdes Gesicht im Lehrerzimmer, eine junge Frau mit Kopftuch. Sie isst etwas und schaut auf ihr Handy. Wer das wohl ist, frage ich mich. Dann fällt mir ein, dass Auszubildende der naheliegenden Altenpflegeschule verschiedene Praktika absolvieren müssen und die Schulleiterin angekündigt hatte, dass die Schule einige übernehmen werde. Sie sollen den Unterricht der 5er- und 6er-Klassen begleiten und dort helfen, wo sie können. In der nächsten Pause sitzt die junge Praktikantin wieder alleine und schaut auf ihr Handy. Meine Kolleginnen holen sich einen Kaffee am Kaffeeautomaten und gesellen sich zueinander. Manche tragen etwas in Listen ein oder füllen Formulare aus, andere plaudern hier und dort zu zweit oder in kleinen Grüppchen. Sie bleibt alleine. Ich bin neugierig und setze mich zu ihr. Woher sie komme, frage ich sie? Aus Marokko. Wie ihr die Ausbildung und Deutschland gefielen, frage ich weiter. Und sie erzählt offen und freudig. Ich erzähle ihr, dass ich DaZ unterrichte und wer meine Schülerinnen sind. Wir unterhalten uns, bis der Klingelton das Ende der Pause verkündet. Am nächsten Tag das gleiche Bild in der Pause, meine Kolleg*innen sind beschäftigt, die Praktikantin sitzt alleine. Ich setze mich zu ihr und wir plaudern. Am Ende der Woche bedankt sie sich für die netten Gespräche. Ich freue mich, dass ich vielleicht dazu beitragen konnte, ihr das Praktikum etwas angenehmer zu gestalten.

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Yusuf

Yusuf ist ein freundlicher Junge in Klasse 6. Er spricht gut Deutsch und hat in den allermeisten Fächern große Mühe, dem Unterrichtsstoff zu folgen. Nach langem Hin und Her wurde er schließlich auf besonderen Bedarf getestet und soll nun am Ende des Schuljahres auf eine Förderschule wechseln. Als ich nach der Mittagspause über den Schulhof zu meinem Auto gehe, sehe ich Yusuf alleine abseits sitzen. Ich nehme mir die Zeit und setze mich zu ihm. „Wie geht es dir“, frage ich ihn. „Nicht gut“, antwortet er. „Warum,“ hake ich nach. Und er fängt an zu erzählen. Er wolle hier auf der Schule bleiben. Hier habe er Freunde und kenne alle Lehrer. An der anderen Schule kenne er keinen und das fände er doof. Nein, ich sage nicht zu ihm, dass er dort ganz sicher neue Freunde finden wird. Ich gebe wieder, was ich von ihm gehört habe. Nämlich, dass er hier an der Schule bleiben wolle, weil er hier Freunde habe und auch alle Lehrer kenne. Er fände es doof, auf eine andere Schule zu gehen. Nach den wenigen Sätzen steht er auf und meint ruhig: „Ich gehe jetzt spielen.“

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Auf der Jagd

Ich habe drei Blaubeerpflanzen in meinem Garten. Blaubeeren brauchen Erde mit niedrigem PH-Wert. Ich hatte sie in Behälter mit saurer Erde eingepflanzt. Innerhalb eines Jahres haben sie sich so entwickelt, dass ihr Wurzelwerk den ganzen Behälter ausfüllt. Ich sollte sie umpflanzen, denke ich. Wo kriege ich größere Behälter her? Kaufen? Ja, aber vielleicht kann ich irgendwo auch gebrauchte finden. Dabei geht es mir nicht allein um den Preis, sondern um die Weiterverwendung von etwas, was schon da ist. Ich suche also bei Kleinanzeigen nach Mörtelkübel. Tatsächlich wird einer in meiner Nähe sogar verschenkt. Ich nehme Kontakt auf. Die Kommunikation ist etwas holprig, aber schließlich kann ich ihn am nächsten Tag abholen. Ich mache ihn sauber und bohre Löcher in der Boden, damit keine Staunässe entsteht. Zwei weitere Kübel werden an einem anderen Ort etwa 20km entfernt angeboten. Auch da nehme ich Kontakt auf und bitte, mir den Durchmesser zu schreiben. Ich möchte nicht den ganzen Weg zurücklegen, um dann festzustellen, dass sie zu groß oder zu klein sind. Ich erhalte keine Antwort. Sollte ich doch noch zwei Kübel dazukaufen? Oder warten, bis wieder welche gebraucht angeboten werden? Ich überlege hin und her.
Dann fällt mir ein, dass ich vor einigen Tage vor einem Haus Sperrmüll gesehen und kurz wahrgenommen hatte, dass da auch schwarze Kübel standen. Zu dem Zeitpunkt hatte ich die Idee, die Blaubeeren umzutopfen noch nicht gehabt. Ob die Kübel da noch stehen? Ich könnte ja nochmal dort vorbeifahren. Und tatsächlich, da sind sie, zwei Kübel ungefähr so groß wie der erste. Zufrieden packe ich sie ein. Zu Hause merke ich, dass die beiden ganz fest zusammenstecken. Ich versuche sie auseinderzuziehen. Es gelingt mir nicht. Sollte ich sie vielleicht als einen benutzen und noch einen dritten dazukaufen? Ich versuche noch einmal, sie zu trennen und bitte auch noch jemanden mir zu helfen. Ohne Erfolg. Mir kommt schließlich noch die Idee, die beiden mit Hebelwirkung auseinanderzubringen. Und … es funktioniert! Ich habe drei ungefähr gleich große Behälter umsonst bekommen. Die ‚Jagd nach Behältern‘ ist geglückt. Jetzt kann ich mich ans Umtopfen machen.

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