Liebeshunger

Er verschlingt die Spaghetti in einer Geschwindigkeit, als gelte es ein Wettessen zu gewinnen. Sie macht den Teller so voll, dass er fast überquillt. Ein anderer greift beim Kuchen dreimal zu und wenn es ein Reststück gibt, nimmt er das auch. Ich esse noch ein zweites Marmeladenbrot zum Frühstück, weil es einfach so gut schmeckt und mittags nehme ich noch den Rest aus dem Topf, damit es ‚keine Reste‘ gibt. Sind wir Menschen, die als Kinder nach Liebe und Zuwendung gehungert haben? Trösten wir uns heute mit Essen? Versuchen wir so, das Loch in uns zu stopfen?

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Kontrast Familie

Vier Kinder hat sie und von zwei Enkeln erzählt sie. Sie selbst hat sieben Geschwister und mit einigen davon trifft sie sich zu Silvester. Ihre Mutter war eins von neun Kindern. Alle leben über die Region verstreut, so wie ich es raushöre. Gestern hat sie eine ihrer Töchter und die Enkelin besucht. Morgen will sie zu ihrer Tante fahren. Für einen Neffen strickt sie gerade Söckchen.
Ich habe keine Kinder. Zwei meiner Geschwister sind verstorben. Eine Schwester lebt noch, wir schreiben uns Geburtstagsgrüße. Keines meiner Geschwister hat Kinder. Ich habe keine Neffen und Nichten. Ich hatte einen Onkel und eine Tante, die ich drei Mal in meinem Leben gesehen habe. Meinen Cousin habe ich vielleicht auch drei Mal gesehen. Meine Cousine hat mich einmal besucht und wir schreiben uns ab und zu ein Mail. So unterschiedlich sind Familien.

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Erzfeinde

1914 waren Deutsche und Franzosen Feinde. Auf politischer Ebene gesehen zumindest.
Jocelyne, meine „Airbnb“-Vermieterin im lothringischen Flirey und ich sitzen am Kamin und plaudern. Sie erzählt von den Schlachten in Flirey. Von der Zerstörung des Dorfes. Ihre Familie hat in diesem Krieg selbst gelitten. Meine eigenen Vorfahren lebten woanders. Ich weiß nichts von ihnen und sicher blieben sie von den Auswirkungen des 1. Weltkrieges nicht verschont und litten auf ihre Art, wo immer sie zu der Zeit lebten.
Es ist für mich unvorstellbar, dass Deutsche und Franzosen sich einmal so hassten, dass sie sich gegenseitig bekämpften und töteten.
Heute, viele Jahrzehnte später, sitzen ehemalige Erzfeinde zusammen und teilen ihre Geschichten miteinander. Was für ein Gewinn und welche Errungenschaft es ist, dass ich heute mit Jocelyne friedlich am Kamin sitzen kann. Möge weiterhin Frieden herrschen hier und überall in der Welt! Ich wünsche es allen Menschen in allen Ländern der Erde.

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Jahreswechsel

Der letzte Tag des Jahres 2025 neigt sich dem Ende zu, der Dezember endet, das Jahr 2025 endet. Und morgen wird wieder die Sonne aufgehen, der Wald und die Felder werden die gleichen sein, die Obstbäume in den Gärten, der Rauhreif auf dem Gras. Morgen wird alles noch so aussehen wie es heute ausgesehen hat. Die Natur wird sich nicht schlagartig verändert haben. Und doch fängt etwas ganz Neues an. Es wird ein neuer Tag sein, ein neuer Monat und ein neues Jahr. Es wird wieder bei Eins zu zählen angefangen. Ein Kreislauf fängt von vorne an.

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Lothringen

Ich will zwei Tage wegfahren und überlege wohin. Ich entscheide mich, nach Frankreich zu fahren, nach Flirey, einem kleinem Dorf in der Nähe des Lac de Madine. Ich hege keine besondere Vorliebe für Lothringen, es ist einfach die Region in Frankreich, die uns am nächsten liegt. Auf der Fahrt dahin komme ich an zwei großen Soldatenfriedhöfen vorbei. Die Vermieterin, bei der ich zwei Nächte lang bleibe, erzählt mir später im Gespräch, dass genau an diesem Ort große Schlachten im Krieg 1914-1918 stattgefunden haben. Man könne die Schützengräben begehen, wo gekämpft wurde, fährt sie fort, und es kämen viele Besucher, um sich das alles anzuschauen. Am Rande des Ortes steht noch die Ruine der ausgebombten Kirche. Eine neue wurde damals mit den Reparationszahlungen Deutschlands gebaut. Als ich nach Toul fahre, um die Kathedrale dort zu besichtigen, komme ich an weiteren Soldatenfriedhöfen vorbei. Ich spüre ein Unbehagen. So viele sichtbare Zeugnisse eines blutigen Krieges.
Später zu Hause frage ich mich, ob mich Lothringen wegen dieser Geschichte vielleicht nicht so anzieht?

Die Schlacht bei Flirey fand im Ersten Weltkrieg in Lothringen, Frankreich statt, vor allem im September 1914 und erneut 1915. Flirey steht exemplarisch für den blutigen, festgefahrenen Krieg an der Westfront, bei dem große Opfer gebracht wurden, ohne entscheidende militärische Durchbrüche zu erzielen. (Wikipedia)

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Die Realität

Ich sitze im Regionalzug von Saarbrücken nach Mannheim. Ich habe einen Sitzplatz bekommen. An den nächsten Bahnhöfen steigen viele Reisende hinzu, so dass schließlich auch welche im Gang stehen müssen. Ich bin überrascht, dass der Zug so voll wird. An einem Bahnhof steigt mein Sitznachbar aus und ein Mann, der bisher stand, setzt sich neben mich. Ich mache Smalltalk. „Ich bin überrascht, dass der Zug so voll ist“, sage ich. „Ja“, entgegnet er, „seit 2015, seit die Syrer gekommen sind, ist es überall voll geworden. Es ist nicht mehr schön. Alles verändert sich.“ – „Ja“, sage ich, „natürlich verändert sich alles.“ – „Aber nur zum schlechteren“, kontert er. „1,5 Millionen Syrer kann Deutschland nicht verkraften“, fügt er hinzu. „Ich komme aus Hamburg und dort ist es richtig voll geworden und es hat sich so viel verschlechtert. Vor 10 Jahren bin ich in Saarbrücken gewesen und jetzt, genau vor demselben Hotel, in dem ich damals abgestiegen bin, hat mir jemand Drogen angeboten. Das ist doch schlimm“, fährt er fort. Ich unterbreche ihn: „Es ist so ein schöner Tag heute, ich habe wirklich keine Lust auf Pessimissmus.“ – „Das ist kein Pessimissmus, nur Realismus“, echauffiert er sich. „Tut mir leid“, fahre ich ihm dazwischen, „ich möchte das Gespräch nicht weiterführen“, und stecke mir die Ohrstecker ins Ohr, um Musik zu hören. „Ja , immer schön die Augen vor der Realität verschließen“, höre ich ihn noch schimpfen.

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Heiliger Abend

Der 24. Dezember, der Heilige Abend bedeutet für mich seit vielen, vielen Jahren den Besuch einer Messe. An diesem Abend werden die Messen sehr festlich gestaltet, oft mit Chor und Orchester. Das bedeutet für mich den Höhepunkt von Weihnachten, die Feier um die Geburt Christi. Dieses Jahr ist es anders. Ich habe keine Lust auf die Messe am Heiligen Abend. Ich spüre eine Lust zu Hause zu bleiben, alleine und die Feier auf meine Weise zu begehen. Ich habe Lust auf Kerzenlicht und Jazz und dazu zu tanzen. Wie kann das angehen an diesem so feierlichen Tag? Da passt doch Jazz nicht! Oder? Ich hadere. Soll ich wirklich meiner Lust folgen und diese besondere Messe verpassen? Wenn ich nicht hingehe, werde ich erst in einem Jahr wieder die Möglichkeit haben. Kann ich das zulassen? Ich schwanke hin und her und gebe schließlich meiner Inspiration nach. Ich verbringe den Abend bei Kerzenschein und Jazz und tanze tatsächlich auch für mich alleine und genieße es. Was für ein schöner Heiligabend es war!

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Weihnachten

„Ich feiere bei meiner Tochter am Bodensee.“ – „Meine Kinder kommen an Weihnachten zu uns.“ – „Ich feiere mit meiner Enkelin zusammen.“ – „Ich bin am 24. bei einer Tochter.“ – „Die Großfamilie mit Enkeln und den Großeltern kommt wie jedes Jahr zusammen.“ Alle erzählen begeistert, wie sie die Feiertage verbringen. Und wer denkt an die, die niemanden haben? Die, die keine Familie und keine Kinder haben? Die, die in kein soziales Geflecht gehören und nirgendwo dazu gehören? Die, die an diesen Festtagen völlig alleine sind und die vielleicht mitten unter uns sind.

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Etwas falsch gemacht?

Die Schulleiterin hatte mir die Aufgabe übertragen, mich um die Feststellungsprüfungen zu kümmern. Das ist eine Möglichkeit, mit der Schüler*innen, die erst zur 7. Klasse nach Deutschland gekommen sind, eine Prüfung in ihrer Muttersprache abzulegen, als Ersatz für die erste Fremdsprache in der Schule. In meiner vorherigen Schule hatte ich nichts damit zu tun. Jetzt musste ich mich ganz neu in das Thema einarbeiten. Die Stellvertretende Schulleiterin, die das bisher gemacht hatte, war bereit, mir dabei zu helfen. Wir vereinbarten einen Termin und setzten uns zusammen an den PC in ihrem Büro. Wir füllten das Online-Formular für die Anmeldung aus. Die 2. Stellvertretende Schulleiterin, die auch in dem Büro arbeitete, kam herein und meinte zu mir: Sie solle mir von der Schulleiterin ausrichten, diese sei „total angefasst“. Sie hätte diese Aufgabe mir übertragen. Ich hätte mich alleine um die Feststellungsprüfungen zu kümmern. Ich sah sie verwundert an. Die Aufgabe würde doch erledigt werden, warum nur regte die Schulleiterin sich so auf? Wir fuhren mit den Eingaben fort. Auf dem Weg zum Auto bemerkte ich eine große Unruhe in mir und den Gedanken: ‚Ich habe etwas falsch gemacht.‘ Etwas in mir geriet ins Wanken. Ich wurde unsicher und bekam Angst. Ich versuchte mich zu beruhigen: ‚Es kann dir nichts passieren. Sie kann dich nicht kündigen, sie kann dir gerade mal ihr Missfallen ausdrücken.‘ So ging es hin und her … Angst, mich beruhigen, Angst, mich beruhigen. Besonders am nächsten Tag in der Schule wappnete ich mich für ein unerfreuliches Gespräch mit der Schulleiterin und überlegte mir verschiedene Möglichkeiten zu reagieren. ‚Angst, mich beruhigen‘ ging weiter. Am zweiten Tag tauchte in mir eine Erinnerung auf. Als Kind gab es ein Ereignis, bei dem ich beschuldigt wurde, etwas verursacht zu haben, mit dem ich aber überhaupt nichts zu tun hatte. Ich war fassungslos, warum beschuldigte man mich? Es war doch offensichtlich, dass ich nicht schuld daran war. Die Beschimpfungen kamen für mich aus heiterem Himmel, völlig unvorbereitet. Es wurde später nie wieder darüber gesprochen und es wurde auch nie aufgeklärt. Nun fühlte mich wieder zu Unrecht beschuldigt. Ich war froh, den Zusammenhang herstellen zu können zwischen dem Ereignis als Kind und meiner heutigen Angst, etwas falsch zu machen, ohne zu wissen, was genau.

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Nicht mitschwimmen

Ich singe in einem kleinen Kirchenchor, nur mit Frauen. Im Laufe der Zeit kriege ich mit, dass es Spannungen gibt zwischen den Frauen im Pfarrgemeinderat und dem Priester der Gemeinde. Immer wieder schimpfen einige Frauen über ihn: Er würde überhaupt nicht sehen, was sie leisteten. Immer habe er etwas zu meckern. Nie wäre er zufrieden, nie reiche es aus, was sie machten. Ich selbst habe mit dem Priester nichts zu tun und erlebe ihn nur in der Messe, in der wir singen. Bei den Proben kriege ich dann wieder mit, was er gesagt oder getan hat, was die Frauen unmöglich finden. Wie leicht wäre es, in die allgemeine Ablehnung mit einzustimmen und mich auch negativ über ihn zu äußern. Und ich stoppe mich: Ich habe bisher noch keinen persönlichen Kontakt zu ihm gehabt und daher keine negative Erfahrung mit ihm gemacht. Also habe ich keinen Grund, mich negativ über ihn zu äußern. Und das tue ich dann auch nicht.

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