21. Mai

Gerädert

Ich wache auf und fühle mich "gerädert" und "erschlagen". Ich erinnere mich an die Kraft der Worte von Mechthild von Scheurl-Defersdorf (s. a. 7. März) an die Wechselwirkung zwischen der Sprache, die ein Mensch spricht und was die Person in ihrem Leben erlebt. Und ich formuliere um: Ich fühle mich heute schwer und ohne Energie.


15. Mai

Gehört werden

Ich komme aus dem Garten zurück und merke, dass die Thermoskanne, sie ich mitgenommen hatte, ausgelaufen ist. Das Buch, das ich dabei hatte, ist nass geworden. Gott sei Dank war es nur Wasser. Das Buch ist aus der Bibliothek und da mir so etwas schon mal passiert ist, weiß ich, dass die Bibliothek das Buch nicht zurücknimmt und den Preis für ein neues verlangt. So ein Ärger.
Eine Freundin ruft an. Ich erzähle ihr, was mir gerade passiert ist.  "Ach vergiss es", sagt die. Wie soll ich das vergessen? Das Buch liegt gerade vor mir in der Sonne zum Trocknen. Ich finde das total ärgerlich wiederhole ich. Ich leihe mir doch gerade Bücher aus, um mir keine kaufen zu müssen. Das ist so unnötig. "Das passiert halt schon mal", meint die dann noch.

Und ich würde einfach nur gerne gehört werden z.B.:  "Ja, es ist so nervig, dass das Buch nass geworden ist und du jetzt das Buch bezahlen musst. Du leihst dir doch gerade Bücher aus, damit du keine kaufen musst."


14. Mai

Wer ist "man"?

Ich stehe im Lehrerzimmer mit einer Kollegin an der Kaffeemaschine, die auf der Geschirrspülmaschine steht. Sie öffnet die Geschirrspülmaschine, schaut rein und meint "Oh, die müsste man auch mal wieder anstellen", sagt sie. Und ich frage sie: "Und wer ist "man"? Später habe ich Zeit und stelle die Maschine an.


7. Mai

53 Nachrichten

Ich bin in einer Whatsapp Gruppe von meinem Chor. Da wir uns zur Zeit nicht treffen können, gab es einen kurzen Austausch in der Gruppe, wie es uns so geht während der Corona Zeit. Ich habe anschließend mein Smartphone weggelegt und erst viel später wieder drauf geschaut. In der Zwischenzeit waren 53 Nachrichten eingegangen. Als ich nachschaute, sah ich, dass sich 2-3 Teilnehmerinnen der Chor Whatsapp Gruppe intensiv über ein Rechenrätzel ausgetauscht haben. Also nichts, was mit dem Chor zu tun hat. Ich war richtig verärgert. 53 Nachrichten!
Ich war eine ganze Weile mit dem Ärger verhakt: "Können die sich denn nicht privat mit Rechenrätzeln beschäftigen? Ich finde Matherätzel einfach nur doof. Das müssen doch nicht alle mitkriegen! 53 Nachrichten. Das nervt! Darauf habe ich ganz schön lange rumgekaut. Dann erst konnte ich nach meinen Bedürfnissen schauen: Mir ist eine effektive Nutzung und Klarheit in der Struktur wichtig d.h. für mich, dass ich die Whatsapp Gruppe Chor für Sachen, die den Chor angehen nutzen möchte z.B. Terminabsprachen, den Austausch über Noten und Lieder usw. Erst als ich für mich klar hatte, worum es mir geht, konnte ich in die Freude reinspüren, die diese 2-3 Frauen hatten an und mit dem Rechenrätzel.
Und mir ist dabei nochmal verstärkt klar geworden, wie wichtig es ist dem Ärger und den Wolfsgedanken auch Raum zu geben. Nur dann können sie sich wieder beruhigen. Auch sie wollen gesehen und gehört werden.


 22. April

Die Kürbiskerne

Ich bin begeisterte Gärtnerin und habe ein Pachtgrundstück von der Stadt. Ich habe Obststräucher, Zwergobstbäume, Blumen und Gemüse im Garten. Für die kommende Saison wollte ich Hokkaido Kürbisse vorziehen. Ich habe die Möglichkeit Samen oder Pflänzchen zu kaufen. Ich entschließe mich schließlich einen Hokkaido zu kaufen, damit etwas zu kochen und die Samen zu verwenden. Als ich den Kürbis öffne, bin ich völlig über die Anzahl der Kerne verblüfft. Natürlich habe ich schon öfter Kürbisse gekauft und verarbeitet und mir ist bisher nie die große Anzahl der Kerne aufgefallen. Ich habe sie dann tatsächlich gezählt. An die 100 waren es! Aus einen Kürbis lassen sich, sollte man denn den Platz dafür haben ca. 100 weitere Pflanzen ziehen. Die wiederum produzieren je nach Wetter und Bodenbeschaffenheit 2-4 Kürbisse pro Pflanze.

Mir geht es hier nicht um Gartenweißheiten. Worauf ich hinaus will, ist die schiere Fülle, die ich im Innern des Kürbisses vorfand. Und das an einem völlig unerwarteten Platz und das zu einer Zeit als noch ein Mangel im Außen ist: Die meisten Geschäfte sind geschlossen und Kontakte sollten möglichst vermieden werden.
Und da war die Fülle. Mitten im Kürbis: Die Entdeckung hat mir solche Freude bereitet und sie hat mich eine ganze Zeit lang getragen und genährt. Und auch jetzt wieder beim Schreiben, kann ich daran anknüpfen.

Kennst du Fülle? Erlebst du Fülle? Wo erlebst du Fülle? Vielleicht überrascht sie dich ja auch an völlig unerwarteten Orten und in unerwarteten Momenten.


11. April

Gehalten werden

Ganz in der Nähe wo ich wohne gibt es eine kleine Allee von Kastanien. Jetzt im Frühjahr wird der Wald wieder grün und ganz dicht und die Allee bildet durch die sich oben schließenden Kronen ein Dach. Sie umhüllt mich und ich fühle mich ganz in ihr geborgen. Ich spaziere oft dorthin und genieße das gehalten werden. Ich fühle mich warm geborgen wie in den Armen eines geliebten Menschen.

Gibt es einen Ort für dich, wo du dich gehalten und geborgen fühlst?


4. April

Das Stehen

Gerade in Krisenzeiten ist das Stehen sehr wichtig: Wir bleiben standhaft und können widerstehen.

Wie stehst du gerade? Steht du stabil? Oder fest verwurzelt? Oder eher schwankend?


4. April

Ein Experiment in der U-Bahn Station

An einer U-Bahn Station in Washington DC spielte an einem Morgen ein Mann für 45 Min auf seiner Violine sechs Stücke von Bach. Während dieser Zeit benutzten ca. 2000 Menschen diese Haltestelle, die meisten auf dem Weg zur Arbeit.
Nach etwa drei Minuten bemerkte ein Passant die Musik. Für ein paar Sekunden verlangsamte er seine Schritte, um dann schnell wieder seinen Weg zur Arbeit fortzusetzen.
Vier Minuten später: Der Geiger erhält seinen ersten Dollar. Eine Frau wirft ihm das Geld in seinen Hut, ohne ihr Tempo zu verringern.
Sechs Minuten später: Ein junger Mann lehnt sich gegen die Wand, um zuzuhören, dann blickt er auf seine Uhr und setzt seinen Weg fort.
Zehr Minuten später: Ein dreijähriger Junge bleibt stehen, um dem Musiker zuzuhören, aber seine Mutter zieht ihn weiter. Mehrere Kinder verhalten sich so, aber die Eltern drängen weiter.
Nach 45 Minuten: Nur sechs Menschen blieben stehen und hörten zu. Ca. 20 geben ihm Geld. Seine Gesamteinnahmen lagen bei 32 Dollar.
Nach 1 Stunde: Der Musiker beendete seine Darbietung und es wurde still. Niemand nahm Notiz und niemand applaudierte.
Niemand wusste es, aber der Musiker was Joshua Bell, einer der größten Musiker der Welt. Er spielte einer der schwierigsten Stücke, die je geschrieben wurden, auf einer Violine im Wert von 3,4, Mio. Dollar.
Zwei Tage zuvor spielte er in Boston das gleiche Stück zu einem Durchschnittspreis von 100 Dollar pro Sitzplatz.
Auftraggeber des sozialen Experiments über Wahrnehmung, Geschmack und Prioritäten war die Washington Post.
Das Projekt warf folgende Fragen auf:
Können wir Schönheit in einem alltäglichen Umfeld, zu einem unangemessenen Zeitpunkt wahrnehmen?
Wenn dem so ist, nehmen wir uns die Zeit sie wertzuschätzen? Erkennen wir Talent in einem unerwarteten Kontext?
Eine mögliche Schlussfolgerung könnte sein:
Wenn wir nicht einen Moment Zeit haben, anzuhalten und einen der besten Musiker zuzuhören..... Wie viele andere Gelegenheiten verpassen wir, während wir durchs Leben hasten?

Und ich frage mich: Wäre ich stehen geblieben?

www.youtube.com/watch?v=LZeSZFYCNRw


7. März 

Eine Wortprobe

Eine Wortprobe ist so was ähnliches wie eine Weinprobe. Da nehmen wir einen Schluck Wein in den Mund und kosten ihn. Wir achten auf den Geschmack und auch auf den Nachgeschmack. Nur wenn der Wein uns schmeckt, nehmen wir mehr davon.

So ähnlich ist es mit einer Wortprobe. Auch da nehmen wir ein Wort in den Mund und schmecken ihm nach. Dann merken wir, ob ein Wort uns angenehm ist und uns wohltut oder ob es und unangenehm ist. Jedes Wort wirkt und hat eine Wirkung. Bei normalem Sprechtempo achten wir nur auf die Inhalte und nicht auf die Wirkung der einzelnen Wörter.

Lesen Sie die einzelnen Wörter langsam durch. Machen Sie jeweils eine Pause zwischen den Wörtern. Lauschen Sie dem Klang und horchen Sie in sich hinein:

"Quelle - Quellwasser - Apfelbaum - behutsam - müssen - schnell - Flughafen - Airport - Wohlwollen - Lächeln - Dankeschön"

Gibt es dabei ein Wort, das bei Ihnen eine angenehme Empfindung auslöst? Gibt es eines, dass eine unangenehme Empfindung auslöst?

Wortproben sind dafür da, sich der Wirkung eines Wortes bewusst zu machen. Wir können uns immer wieder neu bewusst machen, ob uns ein Wort gut tut. Die können wir dann bewusst gebrauchen oder auch bewusst in unsere Sprache aufnehmen. Umgekehrt können wir uns belastende Wörter erkennen uns sie dann reduzieren oder ganz aus unserer Sprache streichen.

Noch etwas geschieht bei den Wortproben: Wir üben, Denken und Fühlen in Einklang zu bringen. Wer seine Gedanken fühlt und gleichzeitig denkt, der steigert damit die Kraft seiner Gedanken und somit seine eigenen Wirksamkeit.

Es gibt eine Wechselwirkung zwischen der Sprache, die ein Mensch spricht, und dem, was er in seinem Leben erlebt.

Mechthild R. von Scheurl-Defersdorf: In der Sprache liegt die Kraft   Klar reden. Besser Leben

www.youtube.com/watch?v=GDIyIviEGpQ


8. März

Wer hat sich schon mal etwas gebrochen?

"Wer sich schon mal etwas gebrochen hat, möge bitte die Hand heben". Nachdem sich einige gemeldet haben, fahre ich fort: "Wem dieser Bruch immer noch weh tut, der soll seine oben lassen." Normalerweise senken sich jetzt die Hände. Danach fordere ich sie auf: "Hebt die Hand, wenn euch immer noch etwas schmerzt, was jemand im vergangenen Jahr zu euch gesagt habt. "Jetzt melden sich viele. " Lasst die Hand oben, wenn ihr immer noch Schmerzen verspürt über eine Bemerkung, die jemand in den letzten fünf Jahren gemacht hat." Die Hände bleiben oben.

Ich denke wir sind alle sehr verletzlich, wie Windbeutel, außen knusprig und im Innern sehr zart und süß.

Silvia Boorstein: Buddha oder Die Lust am Alltäglichen