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Onsen

Der junge Japaner erklärt in flüssigem Englisch die Verhaltensregeln in japanischen Thermalbädern, den Onsen. Etwa 9 Minuten lang habe ich die Gelegenheit, diesen jungen Mann in einem Video auf YouTube kennenzulernen. Ich erlebe einen Menschen in einem fernen Land auf einem anderen Kontinent, dem ich in meinem Leben niemals begegnen werde. Es ist ein Fenster in ein mir fremdes Leben in einer mir fremden Kultur. Da lebt ein mir unbekannter Mensch und gewährt mir einen kurzen Einblick in sein Leben. Zum allerersten Mal wird mir so deutlich bewusst, dass andere Menschen – dass zum Beispiel dieser junge Japaner zur selben Zeit wie ich auf dieser Erde lebt! Er sieht denselben Mond, dieselben Sterne, dieselbe Sonne wärmt ihn. Alles, was uns miteinander verbindet ist, dass wir gleichzeitig auf der Erde weilen. Während unsere Lebenskonzepte nicht im geringsten miteinander vergleichbar sind.

Ist dir schon einmal bewusst geworden, dass du die Erde mit Menschen teilst, die völlig andere Rahmenbedingungen, Vorstellungen und Hoffnungen haben als du?

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Minimalismus

Ich schaue mir auf YouTube ein Video eines jungen Mannes an, der ein vierwöchiges Experiment zum Thema Minimalismus durchführt. Dafür räumt er seine Wohnung ganz leer. Er beginnt das Experiment mit nur den Kleidern, die er trägt und schläft auf dem Boden. Jede Woche will er nur das dazu nehmen, was er für sich als unbedingt notwendig erlebt. In der ersten Woche ist es seine Matratze und eine Decke. In den darauf folgenden Wochen sind es Wechselkleider und Toilettenartikel. Ich bin total fasziniert von seinem Experiment und es macht mich nachdenklich. Ich kann mir nicht vorstellen, so minimalistisch zu leben und doch schaue ich mit einem kritischen Blick in mein Bücherregal und in meinen Kleiderschrank. Ich trenne mich von fünf Büchern und zwei Kleidungsstücken.

Wovon kannst du dich jetzt trennen?

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Die Rechnung

Ich leiste mir in unregelmäßigen Abständen die Behandlung einer Physiotherapeutin. Im Oktober war ich drei Mal bei ihr. Am Ende des Monats bekomme ich eine Rechnung über zwei Behandlungen. Verdutzt überprüfe ich die Termine. Habe ich etwas übersehen, oder sie? Nein, in meinem Kalender habe ich drei Termine eingetragen. Mein erster Gedanke ist: „Wenn sie nur Geld für zwei Termine will, überweise ich ihr nur zwei Termine. Da spare ich Geld!“ Genauso mache ich es dann auch. Das Thema lässt mich dennoch nicht los. Sie hat mich drei Mal behandelt. Sie hat drei Mal ihre Zeit und ihre Kompetenz investiert. Wie gehe ich damit um? Auch ich möchte für die Arbeit, die ich geleistet habe, mein Geld bekommen. Dann fällt mir noch die Redewendung ein: „Behandle andere Menschen so, wie du behandelt werden möchtest!“ Mit der nächsten Rechnung überweise ich ihr den fehlenden Betrag.

Wie möchtest du behandelt werden? Und wie behandelst du andere?

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Tanja

Ich lerne die zwölfjährige Tanja und ihre Pflegemutter Bettie auf der fünftägigen Silvesterfreizeit kennen. Tanja fällt mir sofort durch ihr Verhalten auf. Wiederholt ruft sie mir am Tag „Hallo“ zu und winkt dabei. Sie unterbricht lautstark Gespräche am Frühstückstisch oder beim Mittagessen: „Ich hol mir jetzt noch Tee!“ Und kurz darauf: „Ich finde den Tee total lecker. Magst du den Tee?“ Chippy, ihr Stofftier ist überall mit dabei und Tanja fügt hinzu: „Chippy mag den Tee auch.“ Oder: „Willst du Chippy mal halten?“ Als wir abends spielen, reagiert Tanja ablehnend: „Nein, das Spiel will ich nicht spielen. Das auch nicht. Und das Spiel da ist doof.“ Als wir dann später alle in verschiedene Spiele vertieft sind, geht sie von Tisch zu Tisch und gibt weitere Kommentare ab. Mich strengt Tanjas Verhalten an. Bettie erklärt mir auf meine Nachfrage hin, dass Tanjas Mutter alkoholkrank ist und dass Tanja sich deswegen während der Schwangerschaft nicht normal entwickeln konnte. Bettie behält die Ruhe und geht liebevoll auf Tanja ein. Manches Mal sehe ich sie erschöpft seufzen. Am dritten Tag ergibt es sich, dass Tanja tatsächlich bereit ist, ein Spiel mit mir zu spielen. Ich entdecke eine ganz andere Seite an ihr. Ich erlebe sie ganz ruhig und konzentriert und gebe ihr die Rückmeldung, wie angenehm ich es finde, sie so zu erleben. Ab da ist das Eis zwischen uns gebrochen. Als wir uns am Ende der Freizeit voneinander verabschieden, fließen Tränen bei ihr. Ich nehme sie in die Arme: „Ja, es ist traurig, jemanden zu verabschieden, den man liebgewonnen hat.“

Wann bist du zum letzten Mal einem Menschen begegnet, mit dem du Mühe hattest? Warst du bereit, dich auf ihn oder sie einzulassen?

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Chica

Ich wohne in einer Einliegerwohnung und habe eine Katze, die Freigängerin ist. Mein Vermieter wohnt mit 97 Jahren noch im Haus und hat eine 24-Stunden Hilfe, Monica eine ältere Frau aus Litauen. Monica liebt Katzen auch und hat irgendwann angefangen, meiner Katze Futter zu geben. Sie erwähnte irgendwann in einem Gespräch, wie schön sie es findet, Katzenbesuch zu bekommen und dass meine Chica es sich oft bei ihnen auf dem Sofa gemütlich machen würde. Nachts war Chica bei mir, aber tagsüber drängte sie immer raus und ich habe sie bis zum Abend nicht gesehen. Irgendwann machte Monica 14 Tage Urlaub und eine andere Pflegekraft kam als Ersatz. Plötzlich hatte ich eine ganz andere Katze: Eine vollkommen ruhige, eine, die gerne bei mir drinnen blieb und die meine Wohnung nicht mehr so dringend verlassen musste. Ich stelle fest: Ich bin bereit, mein Essen zu teilen, meine Zeit zu verschenken oder mit Geld zu unterstützen. Aber was meine Katze betrifft, möchte ich, dass sie ihr Zuhause bei mir hat.

Was gibst du gerne ab und was möchtest du lieber für dich behalten?

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Auf dem Friedhof

Ich spaziere über den Alten Friedhof. Vor einem neuen Grab steht eine Frau und weint. Mein erster Impuls ist es, auf sie zuzugehen und ihr die Hand auf die Schulter zu legen. Da ist jemand, du bist nicht alleine. Auch wenn ich dir diesen Schmerz nicht abnehmen kann, so kann ich ihn doch einen Moment mit dir tragen. Meine Schritte führen mich an ihr vorbei. Das kannst du nicht machen. Du kennst sie nicht. Das will sie bestimmt nicht. Auf meinem weiteren Weg bereue ich, nicht auf meinen ersten Impuls gehört zu haben. Ich hätte sie doch zumindest fragen können, ob sie einen Moment des Beistandes wolle.

Kennst du es, dem Impuls, auf andere zuzugehen nicht gefolgt zu sein? Erinnerst du dich an ein Beispiel? Welche Gedanken haben dich daran gehindert, dem Impuls zu folgen?

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Geimpft? Ungeimpft?

Ich besuche eine Freundin, die ungeimpft und gegen die Corona-Impfung eingestellt ist. Sie berichtet mir, dass sie am nächsten Tag zur Demo in der Stadt gehe. Ich solle doch auch kommen. „Nein“, sage ich, „das ist nicht mein Thema.“ – „Aber, ich darf doch wohl noch sagen, dass ich hingehe, oder?“ Es entsteht eine Spannung zwischen uns. „Klar darfst du sagen, dass du zur Demo gehst und gleichzeitig ist mir wichtig, dass wir uns über das unterhalten, was uns verbindet und nicht über das, was uns trennt.“ Es entsteht eine Pause. Schweigen. Werden wir es schaffen, dieses Thema zu umschiffen? Mir ist der Kontakt so wichtig, dass ich mich nicht über das Thema geimpft oder ungeimpft zerstreiten möchte. Nach einer Weile schaut sie mich an, lächelt und beginnt von etwas anderem zu erzählen. Ich freue mich und bin erleichtert. Geschafft!

Gelingt es dir – gerade bei diesem Thema – in der Familie und Freundschaften auf das zu schauen, was euch verbindet und nicht auf das, was euch trennt?

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Kopierkarte

Alle Lehrkräfte in der Schule haben eine eigene Kopierkarte. Die beiden Kopiergeräte sind mit jeweils einem kleinem Lesegerät ausgestattet, in das wir unsere Karte hineinschieben. Die Anzahl der gemachten Kopien wird dann auf unserer Karte abgezogen. Sobald wir mit dem Kopieren fertig sind, drücken wir auf die Taste „Ende“ des Lesegerätes und es spuckt die Kopierkarte wieder aus. Nur, so einfach ist das nicht. Zuerst macht das Lesegerät ein surrendes Geräusch. Dann fährt die Karte einige Millimeter heraus und man denkt automatisch: „Ah, fertig! Super. Schnell zurück in den Unterricht.“ Aber nein. Das Lesegerät zieht die Kopierkarte wieder ganz ein und fängt erneut an zu surren. Erneut kommt die Kopierkarte ein Stück heraus, um direkt wieder eingezogen zu werden und dann erst ist der Vorgang für das Lesegerät abgeschlossen. Es muss die Karte nur noch herausschieben, und ich kann sie wieder einstecken. Ich kenne die Geräte nun schon seit einigen Jahren. Ich weiß, dass ich circa 10 Sekunden auf meine Karte warten muss. An diesem Morgen jedoch könnte ich explodieren: „Das gibt’s doch nicht, dass das so lange dauert. Jetzt beeil doch endlich mal, Maschinchen. Komm in die Pötte. Jetzt mach schon! Beeil dich!“ Es hilft nur alles nichts. Die Zeit, bis das Lesegerät meine Karte herausschiebt, lässt sich einfach nicht abkürzen. Während ich mit dem Lochen der Kopien beschäftigt bin, fällt mir auf, wie angespannt ich an diesem Morgen bin: „Ach guck mal an, wie genervt du heute bist! Das ist ja interessant. Du stehst total unter Strom. Sonst hast du die Ruhe weg, bis das Gerät deine Kopierkarte ausspuckt …“ Und schon werde ich etwas ruhiger und bekomme etwas mehr Abstand zu meinen Gefühlen und bin nicht mehr ganz so darin verfangen.

Bemerkst du, wenn du angespannt bist oder unter Druck stehst? Gelingt es dir, Abstand zu deinen Gefühlen zu gewinnen und nicht mehr  darin verfangen zu sein?

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Telefonwarteschlange

Ich suche eine Zugverbindung von Saarbrücken nach Gerona in Spanien. Auf der Webseite der Deutschen Bahn finde ich keine Angabe über den Preis. Ich rufe die Auskunft an. Als ich nach etlichen Auswahlmöglichkeiten endlich an der richtigen Stelle ankomme, heißt es: „Ihre voraussichtliche Wartezeit beträgt 22 Minuten“. Ich lege frustriert auf. Etwas später versuche ich es erneut. Diesmal liegt die Wartezeit bei 16 Minuten. Ich bleibe in der Leitung und warte. Und warte. Und warte. Irgendwann habe ich tatsächlich jemanden in der Leitung. Nach Schilderung meiner Frage sagt die Person, sie sei da die falsche Adresse und vermittelt mich an die Auslandsabteilung. Und wieder hänge ich in der Warteschleife. Nein, ich gebe nicht auf. Was ist die Alternative? Zum Bahnhof fahren? Nein. Ich warte. Ich stelle das Telefon auf Lautsprecher und fange nebenher an zu kochen. Ich wasche das Gemüse und schneide es klein. 10 Minuten vergehen. Ich wasche den Salat und bereite die Soße zu. Weitere 8 Minuten vergehen. Ich werde zunehmend genervt. Ich möchte einfach nur eine Auskunft haben, und muss dafür so viel Zeit investieren? Warum dauert das nur so lange! Ob die mich vergessen haben? Ob die vielleicht eine Leitung haben, die ins Nichts führt, wenn die Mitarbeiter überlastet sind oder eine Pause wollen? Nach weiteren 10 Minuten meldet sich tatsächlich eine Frau und fragt mich ganz freundlich, wie sie mir helfen kann. Ich wiederhole meine Frage. Dafür müsse sie ins Netz der SNCF und bittet um Geduld. Und wieder heißt es warten. Leider käme sie da gerade nicht rein, teilt sie mir mit, aber sie versuche es weiter. Ich werde richtig unruhig. Jetzt hänge ich schon über 30 Minuten am Telefon – für nichts! Mir reicht’s. Am liebsten würde ich die Frau anbrüllen! Stopp — Ich bremse mich. Wahrscheinlich hat die Frau ja keine Ahnung, wie lange ich schon gewartet habe. Ich glaube nicht, dass sie das irgendwo ersehen kann. Und dass sie nicht ins Netz kommt, ist auch nicht ihre Schuld. Und wie heißt es? Shit happens. Ich atme tief durch, bedanke mich für ihre Bemühungen und lege auf.

Kannst du dich bremsen, wenn du wütend wirst? Z.B. indem du dir überlegst, ob die Person, an der du deine Wut auslassen willst, für die Situation überhaupt verantwortlich ist?

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Sauna II

Im Ruheraum in der Frauensauna klingelt ein Handy. Das Klingeln kommt aus einer Tasche, die neben einer Liege steht, auf der gerade niemand liegt. Das Klingeln hält an. Die Frauen im Ruheraum werden unruhig und fangen an, laut zu überlegen, was man da machen könne. Auch mich irritiert das Klingeln. Mir fällt nur nichts ein, was ich unternehmen könnte, also versuche ich, ruhig zu bleiben. Das Klingeln geht weiter. Erst nach einer ganzen Weile hört es auf. Endlich kehrt wieder Ruhe ein. Als eine Frau den Raum betritt und auf die Liege zugeht, neben der die Tasche mit dem Handy steht, empören sich einige Frauen, die in ihrer Nähe liegen: „Ihr Handy hat eine Ewigkeit geklingelt!“ – „Das ist unverschämt …“ – „Ja, das ist wirklich eine Unverschämtheit.“ Die Frau schaut sich verwundert um. Ich frage mich, ob sie vielleicht vergessen hatte, dass sie das Handy in ihrer Saunatasche hat? Oder wusste sie, dass es dort ist und hatte vergessen, es leise zu stellen? Oder hat sie vielleicht auf einen wichtigen Anruf gewartet? Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass sie das Handy bewusst auf laut eingestellt gelassen und in Kauf genommen hat, die Frauen im Ruheraum gegebenenfalls zu stören.

Was beobachtest du, wenn du etwas als unverschämt verurteilst? Und könnte es vielleicht auch ganz andere Gründe für das Verhalten geben, das du verurteilst?

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